Teil der Globensammlung der »Herzogin Anna-Amalia Bibliothek«

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  • 20. Juli, 2023 — Junge Europäische Sommerschule – Sinn und Symbolkraft

    Hallo, wir sind Lisa aus Frankreich, Tatjana aus Nordmazedonien und Finn aus Deutschland. Unser Tag begann mit Chaos und Missverständnis. Niemand wusste so genau, wann das heutige Seminar beginnen sollte. Verwirrung lag in der Luft. Jeder von uns hatte bereits Pläne für den freien Vormittag, als wir erfuhren, dass wir bereits zwei Stunden früher als angenommen beginnen würden. Glücklicherweise blieb uns noch eine kurze, wertvolle Zeit zum gemeinsamen Frühstücken. Da wir uns auf einer deutschen Bildungsveranstaltung befinden, sprachen wir über die klassischen Dichter und ihre Instrumentalisierung zur Zeit des »Dritten Reiches«. Wir sahen auch Bilder von der Eröffnung des Goethemuseums 1935, aus uns unbegreiflichen Gründen benutzte der damalige Museumsdirektor den Originalhammer Goethes, um auf Steine zu klopfen. Was für eine Symbolkraft!

    Daraufhin fiel uns auf, dass nicht nur die Geschichte voller Symbole ist, auch unser Alltag in der Sommerschule steckt voller Symbole und versteckter Bedeutungen. Wir haben gelernt, dass Durchhaltevermögen sich immer auszahlt. Wie Goethe durch Italien reiste, »reisten« wir durch die Anna Amalia Bibliothek, um ein Buch zu finden, das drei Jahre nicht gesehen ward. Nach zwei Minuten der Suche entdeckten wir es auf dem nächsten Regal…

    Im Anschluss lernten wir in einem weiteren Seminar etwas über Übersetzungen und ihre Grenzen. Am Abend gingen wir gegen 21 Uhr ins Bett, nach einer freundlichen Diskussion über Goethes und Schillers Beziehung.

    Lisa (Frankreich) – Tatjana (Nordmazedonien) – Finn (Deutschland)

  • 18. Juli, 2023 — Junge Europäische Sommerschule – Nächster Halt: Eisenach. Wanderung zur Wartburg

    Die Entdeckung des Thüringer Waldes mit seinem bunten Strauß aus grünen und braunen Farben fand heute geschützt unter den Bäumen statt, die uns ein schattiges Plätzchen schenkten. Der Aufstieg zur Wartburg war wegen der Hitze definitiv unsere Herausforderung an diesem Tag. Und was für ein Ergebnis! Wunderschöne Steingebäude, ein herrlicher Blick auf den Wald und ein kühler Wind. Und natürlich eine wohlverdiente Mahlzeit. Nach den Erklärungen unseres Kursleiters, Herr Kahl, konnten wir uns ausruhen und unsere Brotzeit genießen. Der Besuch des Berges wird uns sicherlich in Erinnerung bleiben. Wir besichtigten Räume, die immer noch schöner und reicher verziert waren als der davor. Die Museumsführerin erklärte uns, wie das Leben dort organisiert war und was die vielen Gemälde an den Wänden darstellen. Wir haben also viel über die Bewohner und die wechselvolle Geschichte der Wartburg mit ihrem europäischen Bezug gelernt. Nach dieser unglaublichen Führung stiegen wir gemütlich von der Wartburg über einen kleinen, ziemlich romantischen Waldweg hinunter. Auf dem Weg hielten wir einige Minuten an einem Teich an, in den sich einige sogar mit den Füßen trauten, bevor wir zum Bahnhof gingen und wieder in den Zug stiegen.

    Mein Name ist Apolline und ich komme aus Frankreich. Ich muss zugeben, dass ich überhaupt nicht wusste, dass es dieses Schloss gibt. Für mich war diese Entdeckung also völlig überraschend. Den ganzen Tag über war ich von der Architektur der Wartburg begeistert.

    Mein Name ist Simon und ich bin aus Deutschland. Obwohl ich die Wartburg schon vor längerer Zeit besucht habe, gab mir diese Exkursion eine völlig neue Perspektive auf deutsche und europäische Geschichte.

    Mein Name ist Elżbieta und ich komme aus Polen. Der Besuch auf der Wartburg war für mich besonders wichtig und interessant, weil ich meinen Name mit Elisabeth von Thüringen teile, die dort im 13. Jahrhundert gewohnt hat. Ich freue mich sehr, dass ich an dieser Exkursion teilnehmen konnte.

    Apolline (Frankreich) – Simon (Deutschland) – Elżbieta (Polen)

  • 14. Juli, 2023 — Junge Europäische Sommerschule – Auf den Spuren Goethes

    Heute, am 13. Juli, begannen wir unseren Tag mit einem Lektüreseminar über die Freundschaft zwischen den zwei wichtigsten Dichtern der Weimarer Klassik, Goethe und Schiller. Die Einführung in das Thema wurde von Dr. Paul Kahl geleitet, wobei er uns sowohl ihre Lebens- und Denkweise als auch ihre Beziehung miteinander und mit der Literatur vorgestellt hat.

    Ein anderes angesprochenes Thema war die nationale Identität, durch ein Distichon, eine der sogenannten »Xenien«. Da wir aus verschiedenen Länder und Kulturen Europas kommen, hatten wir unterschiedliche Meinungen, die wir in einem interaktiven Gespräch geäußert haben. Es war eine angenehme Erfahrung, durch Multikulturalität die Welt dieser beliebten Schriftsteller zusammen zu entdecken. Dies wurde später durch die Arbeit an unseren Projekten in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek fortgesetzt.

    Zwischen den Bücherregalen begann jetzt unsere Recherche. Unsere Projekte zu verschiedenen Themen, an denen wir mit viel Begeisterung arbeiten, werden wir nächste Woche Freitag als Abschlussprodukt präsentieren. Das Highlight des Tages war die Besichtigung des Hauses von Goethe hier in Weimar. Wir waren so beeindruckt von dem Gefühl der Dichtung, welches sich in der Luft befand, dass wir gerne mehr Zeit zwischen den Geistern der Geschichte verbracht hätten, aber wir waren schon hungrig.

    Nach dem Abendessen beginnt unsere Lieblingsaktivität, nämlich Freizeit. Zusammen legten wir bunte Picknickdecken in den Garten der Wieland Akademie in Oßmannstedt. Sprechend, lachend, spielend vergessen wir alles und bemerken gar nicht die verpassten Stunden. Müde und voller Vorfreude auf den nächsten Tag gehen wir zurück in unsere Zimmer. Der Tag endet mit guter Laune und einer sehr warmen Nacht, wobei wir schon fast schlafend die Sterne anschauen.

    Andreea (Rumänien) – Petra (Rumänien) – Jaroslava (Lettland)

  • 12. Juli, 2023 — Junge Europäische Sommerschule 2023 - Ankunft und erste Begegnungen

    Sie kommen aus Italien, Frankreich, Lettland, Nordmazedonien. Polen, Rumänien, Slowenien und aus Deutschland, die 17 Mädchen und Jungen, die an der Jungen Europäischen Sommerschule 2023 teilnehmen. Die JES bietet 16- bis 19-jährigen Schülerinnen und Schülern aus Deutschland und dem europäischen Ausland mit guten Deutschkenntnissen (Niveau B2) die Möglichkeit, zwei Wochen lang in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zu ausgewählten Themen zu arbeiten. 2023 dreht sich alles um die Frage »Heimat Europa?« Im Blog der GAAB werden die Mädchen und Jungen über ihre Arbeit in der Bibliothek und über die Erlebnisse berichten – zum Auftakt drei Mädchen aus Italien.

    Erste Begegnungen in Weimar

    Hallo zusammen, wir sind Chiara, Carlotta und Giuliana. Wir drei sind 17 Jahre und kommen alle aus Italien, aber aus verschiedenen Gegenden: Carlotta kommt aus Trentino-Südtirol, Chiara und Giuliana aus Friaul-Julisch-Venetien.

    Am Dienstag, den 11. Juli, hatten wir nach dem Frühstück im Wielandgut Oßmannstedt von 9 bis 11 Uhr ein Lektüre-Seminar bei Dr. Paul Kahl. Das bot uns die Gelegenheit, einige Texte von Goethe zu lesen, sie im Detail zu analysieren und die Bedeutung zu verstehen. Danach ging es mit der Bahn von Oßmannstedt nach Weimar. Nach einem Mittagessen in Weimar und einer kurzen Pause fanden wir uns alle vor Schillers Haus wieder.

    Sobald wir es betraten, fühlten wir uns überwältigt von der Welt Schillers, eines deutschen Dichters, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebte.
    Im ersten Stock besichtigten wir sein Esszimmer und im zweiten Stock sahen wir sein Arbeitszimmer. Das ist der Ort, an dem Schiller die meiste Zeit verbrachte und wo wir noch seinen Schreibtisch und sein originales Bett sehen konnten.
    Es war sehr interessant und wichtig für uns, mehr darüber zu erfahren, wie Schiller lebte, auch um die historische Zeit, in der er lebte. besser zu verstehen.

    Nach dem Besuch des Schillerhauses und einer kurzen Erfrischungspause, die uns bei den hohen Temperaturen sehr willkommen war, machten wir uns auf den Weg zur Herzogin Anna Amalia Bibliothek.

    In dem Seminarraum, der uns auch in den nächsten Tagen zur Verfügung stehen wird, erhielten wir die Bibliothekskarten. Die gewähren uns den Zugang zu den höheren Stockwerken. Dadurch können wir mehrere und spezifischere Bücher für unsere Recherchen verwenden. Wir fühlten uns bereits wie richtige Studentinnen Weimars!

    Dann gab es für uns eine ausführliche Führung durch die Bibliothek. Wir alle waren bezaubert vom inneren »Bücherkubus«. Er bietet eine Vielzahl an Büchern und für alle Einwohner:innen und Besucher:innen der Stadt zugänglich. Ebenso interessant und bezaubernd war es, die anderen Stockwerke und Räume zu besichtigen und das Ausleihsystem genauer kennenzulernen. Außerdem wurde uns das Onlineportal erklärt, das wir auch in Oßmannstedt benutzen können.

    Nach der Besichtigung der Bibliothek war es auch schon Zeit, mit dem Zug in unser Quartier in Oßmannstedt zurückzukehren. Wir konnten sogar noch ins Freibad gehen, um den Abend schön ausklingen zu lassen.

    Wir freuen uns schon auf die nächsten Tage!

    P. S. Partner der Jungen Europäischen Sommerschule sind die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek e.V., die Klassik Stiftung Weimar und die Literarische Gesellschaft Thüringen e.V., finanzielle Förderer die Friedrich-Stiftung, die Thüringer Staatskanzlei, die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen und ebenfalls die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek e.V.

    Auf dem Gruppenfoto sind zu sehen (von links nach rechts):
    Hintere Reihe: Paul Kahl (Seminarleiter), Finn (Deutschland, Jahrgang 2005), Matthias (Deutschland, 2005), Simon (Deutschland, 2005), Jaroslava (Lettland, 2007), Petra (Rumänien, 2005), Nina (Slowenien, 2006), Elzbieta (Polen, 2006), Apolline (Frankreich, 2006), Lisa (Frankreich, 2006), Tatjana (Nordmazedonien, 2006), Carlotta (Italien, 2005), Mila (Nordmazedonien, 2005)
    Vorn: Giuliana (Italien, 2006), Andreea (Rumänien, 2006), Mia (Nordmazedonien, 2005), Chiara (Italien, 2005).

    Carlotta - Chiara - Giuliana (JES) Theresa Funke (Seminar-Assistentin) Maria Socolowsky GAAB

  • 10. Juli, 2023 — »Mauersegler im Bücherkubus« – In der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek ehren Freunde und Weggefährten den verstorbenen Lyriker Wulf Kirsten

    Ob es ihm an diesem Abend zu laut gewesen wäre? In einer Bibliothek hat schließlich Stille zu herrschen. Bestimmt hätte der Dichter Wulf Kirsten diesmal eine Ausnahme gemacht. Denn seine Gedichte lernte er nach eigenem Bekunden erst beim lauten Lesen richtig kennen. Und maß sie an der Reaktion des Publikums, dem Beifall und der Qualität der Stille.

    Publikum ist reichlich anwesend, jeder Platz im Bücherkubus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB) ist besetzt. Eingeladen haben die Stadt Weimar, die HAAB und die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek, die Literarische Gesellschaft Thüringen sowie der Thüringer Literaturrat. Familie, Freunde, Weggefährten und Dichterkollegen begrüßen einander. Man nickt sich zu, schüttelt Hände an diesem warmen Sommerabend kurz nach der Sommersonnenwende, dem Geburtstag des 2022 verstorbenen Lyrikers.

    Das Podium spricht über Kirsten, vor allem aber spricht es mit ihm, indem es ihn zitiert. Jeder trägt sein oder ihr Lieblingsgedicht vor. Begeistert und auswendig Pia-Elisabeth Leuschner vom Lyrikkabinett München, vorsichtig tastend der Romanist Edoardo Costadura, die Worte auskostend der Lyriker Jan Volker Röhnert, mit verschmitzter Entdeckerfreude der Herausgeber Jens-Fietje Dwars – alles klug moderiert von Christoph Schmitz-Scholemann. Die kräftige Sprache lässt keine Wehmut aufkommen, es prasselt, rollt, es zwitschert, und die Gedichte verströmen ihr Bukett, deutsch, italienisch bei Edoardo Costadura, französisch bei Kirsten-Übersetzer Stéphane Michaud, der extra aus Paris angereist ist.

    Kein Gourmet-Schnickschnack, nein, ein handfester Landwein wuchs aus der Erde bei Meißen. Von Mauerseglern ist die Rede und vom Obstpflücker Oswin aus dem Armenhaus. Von der Wirtstochter Margarete, der Franz Kafka in Weimar nachstieg. Von Landschaften und Landwirtschaft. Von Sachen und Satzanfängen, von Erdung, von Sinnlichkeit. Poesie als Weltsprache, versunkene Wörter, »gediegene Frankophonie« und obersächsische Mundart, und man schmeckt die Worte im Gaumen und sinnt den erdfarbenen Bildern nach, die sie erzeugen. Die literarisch Gebildeten im Podium stellen Bezüge her zu Hölderlin, Rilke oder Goethe. Interessant, denkt man, ein doppelter Boden. Es braucht ihn nicht, damit diese Lyrik einen ergreift, doch ihr wächst damit eine weitere Dimension zu.

    Wieviel bleibt heute von dieser Tiefe, wenn Germanistik-Studenten Goethe nicht rezipieren und Schüler Gedichte nicht lernen müssen? Wenn jeder vierte Viertklässler nicht gut lesen und schreiben kann, Bibliotheken verwaisen und Literatur als Digitalisatbrei im smarten Einheitslook daherkommt? Wulf Kirstens enzyklopädisches literarisches Wissen, sein akribisches Sprachgefühl scheinen aus dieser Zeit gefallen. Und doch, mit seinen genauen Beobachtungen und seiner Verbundenheit zur Natur, seinem beharrlichen Einsatz gegen ihre Zerstörung und die Hybris der Menschen kann er gerade für die Generation Klimakatastrophe eine große Entdeckung sein.

    Vielleicht hilft dabei ein letztes Buch: »Nachtfahrt« heißt der Band mit Texten aus dem Nachlass, den Jens-Fietje Dwars im quartus Verlag herausgegeben und den Susanne Theumer mit Grafiken illustriert hat. Und in der HAAB kann man künftig Wulf Kirstens poetischen Kosmos erkunden. Wie Bibliotheksdirektor Reinhard Laube ankündigt, findet Kirstens Lyriksammlung hier ein neues Zuhause. 65 Regalmeter Poesie, in einem langen Leben gesammelt, verdaut und verdauert. In einer Leselounge, die im nördlichen Teil der Bibliothek entsteht, kann man auf lyrische Entdeckungsreise gehen. Und hört dabei vielleicht die Mauersegler im Kubus kreisen.

    Wulf Kirsten: »Nachtfahrt. Autobiografische Prosa aus dem Nachlaß«
    Herausgegeben von Jens-Fietje Dwars.
    Reihe Ornament-Essay, Bd. 2, quartus Verlag, Weimar, 2023, ISBN 978-3-947646-52-4, 22 Euro.

    Die Veranstaltung wurde mitgeschnitten und ist am 1. August auf Radio Lotte 
    und ab 2. August als Podcast unter www.literaturland-thueringen.de nachzuhören.

    Anke Engelmann - Autorin Journalistin und Herausgeberin