Teil der Globensammlung der »Herzogin Anna-Amalia Bibliothek«

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  • 21. Juni, 2023 — Wo aber bleibt die reine Poesie? Die Bibliothek meines Vaters

    • Die Lyriksammlung von Wulf Kirsten, © Jens Kirsten

    Als meine Eltern Mitte der 1960er Jahre nach Weimar zogen, brachten sie Wulf Kirstens im Entstehen begriffene Bibliothek aus Freiberg mit. Vorläufig noch fristete sie ihr Dasein in Koffern und Kartons, die unter den Betten aufbewahrt wurden. In der Puschkinstraße 1, wo der Berliner Aufbau-Verlag eine Dependance eröffnet und mein Vater eine Stelle als Lektor angetreten hatte, hauste die Familie in zwei Dachkammern, bevor später eine Teilwohnung in der Prellerstraße bezogen werden konnte.

    In den ersten Weimarer Jahren muss der Umfang dieser Kofferbibliothek dann sprunghaft angestiegen sein. Meine ersten Erinnerungen, die sich mit der Prellerstraße verbinden, schließen ein wandfüllendes Leiterregal in unserer Parterrewohnung ein, das lediglich eine Türöffnung aussparte. Hinter einem Vorhang lag unser schmales Kinderzimmer, in das man buchstäblich durch eine Bücherwand gelangte. Als Vierjähriger machte ich eines Tags einen Rundgang durch die zweieinhalb Zimmer und die Küche, wobei ich den von einer dubiosen Alten mitbewohnten unheimlichen Flur queren musste, die uns regelmäßig bei der Kriminalpolizei anzeigte, wenn »schon wieder etwas passiert war« – meist handelte es sich um ein gestohlenes Brikett aus dem gemeinsam genutzten Keller. Von Langeweile geplagt, traf ich die übrigen drei Familienmitglieder lesend an. Sie hatten es sich mit Büchern bequem gemacht und waren gleichsam abwesend. Keiner war bereit, seine Lektüre zu unterbrechen, um mir etwas vorzulesen. So verkündete ich wütend: »Wenn ich groß bin, verbrenne ich alle Bücher und alle Kataloge!« Das holte sie aus ihrer Abwesenheit, besonders die Erwähnung der Kataloge. Ich lernte dann lesen und tat es
    den anderen bald täglich gleich. Dass ich nicht in Lesestoffnot geriet, dafür sorgte mein Vater. Über kurz oder lang las ich auch besagte Kataloge, genau genommen den Bestellkatalog des Börsenblattes, in dem Vater regelmäßig bestellte und ich Kreuze machen durfte, wo es mir beliebte. Denke ich an Geburtstage oder Weihnachten zurück, so gehörten hohe Bücherstapel immer zu den Geschenken.

    Über 60 Jahre wuchs Wulf Kirstens Bibliothek, deren Herzstück seine Sammlung deutschsprachiger Lyrik bildete. Das Privileg, über den Verlag und das Börsenblatt Bücher auf eigene Rechnung bestellen zu können, nutzte er weidlich aus. In den 60er, 70er und 80er Jahren gab es republikweit noch Antiquariate, in denen sich Literatur aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen entdecken ließ. Vor allem in Prag, wo deutschsprachige Literatur nur bei wenigen auf dem Urlaubswunschzettel stand, fand er manche literarische Kostbarkeit. Sein Bruder Rainer betrieb einen Altstoffhandel in Wilsdruff und sammelte für ihn in einer Truhe Raritäten.

    Nach dem Umzug in die erste eigene Wohnung holte die Bibliothek tief Atem und breitete sich auf 150 Quadratmetern aus. Das Arbeitszimmer kleidete ein Tischlermeister rundherum mit Regalen und Bücherschränken aus. Fortan blieb es der Lyriksammlung vorbehalten. Im knapp 30 Quadratmeter großen Wohnzimmer füllte eine Bücherwand die Längsseite, eine Abstellkammer wurde zur kleinen Bibliothek, wo die Regale nicht nur entlang der Wände, sondern auch in der Mitte, Rücken an Rücken, standen. Kontinuierliches Wachstum brachten Reihen, auf die mein Vater abonniert war. Etwa das »Poesiealbum«, deren viertes Heft ihm eine erste eigenständige Publikation bescherte. Dazu gehörte die Inselbibliothek und die Reihe »Lyrik international« des Verlags Volk und Welt. Auf dem Dachboden, wo uns zwei Kammern zugesprochen waren, bezogen Reclamhefte und Zeitschriften ihr Quartier.

    Nach dem Ende der DDR musste die großzügig bemessene Wohnung aufgegeben werden, da sich ein Alteigentümer fand, der hier sanieren wollte. Eine Wohnung in derselben Straße, vierzig Hausnummern niedriger, wurde gefunden. Die kleinere Wohnung vermochte die auf Zuwachs angelegte Bibliothek bei weitem nicht zu fassen. Ein trockener Keller erwies sich als Glücksumstand für einstige Dachbodenbestände. Einiges musste veräußert werden. So einige Reihen und eine Sammlung deutschsprachiger Literatur aus Siebenbürgen. Herz- und Kernstück blieb die Lyriksammlung, die nach 1990 einen neuerlichen Wachstumsschub erhalten hatte. 1993, als Wulf Kirsten Stadtschreiber in Salzburg war, freundete er sich mit einem hochbetagten Antiquar an, in dessen labyrinthischem Laden längst unauffindbar geglaubte Titel zu haben waren, die Käufer und Verkäufer glücklich machten. Noch einmal mussten 1995 Regale in ein Arbeitszimmer eingepasst werden. Die Regale wuchsen bald darauf Wand um Wand erst um eine aufgesetzte Reihe, dann um eine zweite, die jeweils alle querliegenden Bücher vorübergehend in die Senkrechte zurückholten, dann wuchsen die Titel in nahezu allen Fächern in die zweite Reihe und schließlich lagen neu hinzukommende Bücher bis hoch an die Decke wieder quer obenauf.

    Bei all dem war Wulf Kirsten kein Sammler, der sich an der Vollständigkeit erfreute, sondern einer, der täglich mit seiner Sammlung arbeitete, was den Büchern, denen viele Zettel und Zeitungsauschnitte eingeschoben wurden, anzusehen ist. Das Faszinierende war für mich, dass mein Vater, wenn ich ihn um literarischen Rat fragte, stets mit traumwandlerischer Sicherheit ins Regal griff, den betreffenden Band herauszog und alle nötigen Informationen über Buch und Autor extemporierte. Mitunter zog er auch die passende Karteikarte aus seinem in Karteikästen untergebrachten Schriftstellerlexikon, das sich selbstredend nicht auf Dichter beschränkte. Als ich zu Harry Domela forschte und in Jeff Lasts Buch »Vingers van de linkerhand« las, dass Domela ein Manuskript mit dem Titel »Hinter den Kulissen einer Sensation« mit zu ihm nach Amsterdam gebracht hatte, fand ich auf der entsprechenden Karteikarte den Eintrag »Hinter den Kulissen einer Sensation«, schräg darüber stand »Ms. bei Günter Kunert«.

    Illustrieren soll meine Abschweifung seine Akribie und vor allem die kommunizierenden Röhren, Bücher einerseits, Lexika andererseits. Und was die kommunizierenden Röhren
    anbelangte, so gehören die über der handschriftlichen Lexikonmatrix aufbewahrten Briefe organisch dazu wie auch das Telefon. Über beide stand er mit der literarischen Welt in täglichem Austausch. Wer etwas über seine Arbeits- und Denkweise lesen möchte, dem sei der Aufsatz »Literastelli« empfohlen, der im Band »Brückengang« (Ammann Verlag, 2009) zu finden ist. Neben diesem handschriftlichen Lexikon gehörte zu seinen Arbeitsmitteln der 38-bändige »Kosch«, zuzüglich des noch nicht abgeschlossenen korrespondierenden »Kosch – Das 20. Jahrhundert« sowie der »Kürschner«, die mein Vater jeweils kostenlos bezog, weil er sich als äußerst hilfreicher Mitarbeiter für schwierigste, sprich schier unlösbare Fälle, erwiesen hatte.

    Ein Schlüssel zum Verständnis von Wulf Kirstens Lyrikverständnis ist die von ihm herausgegebene Anthologie »Beständig ist das leicht Verletzliche. Gedichte in deutscher
    Sprache von Nietzsche bis Celan« (Ammann Verlag, 2010). Ihre Anfänge reichen zurück bis in die 1960er Jahre, in die erwähnten Koffer und Kartons. 1989 sollte sie im Programm des Aufbau-Verlages erscheinen. Sie lag als Manuskript vor und der Zürcher Ammann Verlag wollte sie als Lizenz in der Schweiz, sprich im Westen, bringen. Die DDR ging unter. Die Anthologie blieb – in zwei großen Kartons – im Durchschlag erhalten. Ab den 90er Jahren erschien Wulf Kirstens Werk im Ammann Verlag. Jedes Mal, wenn mein Vater Egon Amman auf die Anthologie ansprach, antwortete er: »Wulf, wir bringen erst einmal deinen neuen Gedichtband, die Anthologie machen wir später.« Das ging über gut 17 Jahre so. Dann, als Egon Ammann schon schwer krank und das Ende des Verlages unausweichlich war, kam er nach Weimar und wir besprachen das Werden der Anthologie. Ich sollte die Scans von den holzhaltigen Durchschlägen kollationieren, also Zeile für Zeile mit den Originalen abgleichen, was ich dann gemeinsam mit meiner Mutter erledigte. Mein Vater schrieb das Nachwort, in dem er über seine Arbeitsweise Auskunft gibt, und tippte auf der Schreibmaschine das 43-seitige Inhaltsverzeichnis. Gut 80 Prozent der benötigten Titel konnten wir bei meinem Vater einfach aus dem Regal ziehen und nach getaner Arbeit wieder dort einstellen. Nur wenige Fernleihen waren zu bestellen, die meisten übrigen Titel hatte die Herzogin Anna Amalia Bibliothek.

    Weder mein Vater noch ich haben die Lyrikbände gezählt. Eine lückenhafte Nummerierung in den Bänden ergibt sich aus einer über die Jahre durch Reduktion der Bibliothek unscharf gewordenen Nummerierung, die wohl alle Titel, Lyrik, Prosa, Sekundärliteratur, einschloss. In summa beläuft sich die Lyriksammlung einschließlich zahlreicher Anthologien auf geschätzt 65 laufende Meter, wobei quer liegende Titel die Ungenauigkeit verstärken. Hinzu kommen einige Meter mit den erwähnten gesondert gestellten Reihen. Als Wulf Kirsten vor etlichen Jahren mit der Herzogin Anna Amalia Bibliothek den Ankauf der Lyriksammlung verabredete, fragte er den damaligen Bibliotheksdirektor Michael Knoche, ob die Sammlung in der Bibliothek in sich geschlossen gestellt würde. Er verneinte das, weil natürlich in keiner Bibliothek jede Sammlung gesondert aufgestellt werden kann.

    Dass es nun die Entscheidung gibt, der Lyriksammlung Wulf Kirstens im Erdgeschoss des Studienzentrums neben dem Bücherkubus einen besonderen Stellplatz einzurichten und die Sammlung als geschlossenen Bestand zu präsentieren, das hätte Wulf Kirsten sehr gefreut. So bleibt Hugo Ball in der Nähe von Johannes R. Becher und Wolfgang Borchert, Daniela Danz nicht fern von Annette von Droste-Hülshoff, Sarah Kirsch nahe bei Reiner Kunze, B. K. Tragelehn in der Gesellschaft von Georg Trakl und Franz Werfel unweit von Paul Zech. Zu hoffen bleibt, dass die Bücher hin und wieder in die Hände von Nutzern gelangen und gelesen werden. Entdeckungen lassen sich allenthalben machen.

    Jens Kirsten

  • 06. Januar, 2023 — Neu in der GAAB - Brigitte Becker-Ebenau, ehemalige Bibliothekarin in der HAAB

    »Kaum jemand hat die Innovations- und Transformationsprozesse in der HAAB und KSW seit der Wende so sehr mitgeprägt wie Frau Becker-Ebenau«, schrieben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, als sie Ende 2022 ihre langjährige Kollegin Brigitte Becker-Ebenau in den Ruhestand verabschiedeten. Brigitte Becker-Ebenau kam im November 1992 von der Universitätsbibliothek Marburg in die Herzogin Anna Amalia Bibliothek und hat deren Geschicke 30 Jahre mitgestaltet, ab 2001 als Referatsleiterin in der Medienbearbeitung. Seit Juni 2022 ist Brigitte Becker-Ebenau Mitglied in der GAAB. Maria Socolowsky sprach mit ihr.

    MS: Frau Becker-Ebenau, beim Bibliotheksfest Anfang Juni 2022 sind Sie Mitglied der GAAB geworden. Wie kam es dazu?

    BBE: 30 Jahre durfte ich in einer ganz besonderen Bibliothek arbeiten. Das habe ich immer so empfunden. Ich habe entscheidende Entwicklungen miterlebt und mitgestaltet. Der Brand 2004 war dann für uns alle ein einschneidendes, ein traumatisches Erlebnis. Da hat die GAAB großartige Arbeit gemacht und unter anderem die vielen Spenden gemanagt. Bis heute ist die GAAB sehr aktiv und sehr präsent. Das hat dem Haus viel gebracht. Die GAAB tut der Bibliothek gut, sie unterstützt so viele Projekte. Ihre Angebote, zum Beispiel die Veranstaltungen, habe ich auch auch schon vorher verfolgt und genutzt. Ich schätze auch die Publikation »SupraLibros« sehr. Dass ich jetzt in die GAAB eingetreten bin, hat auch ganz egoistische Gründe. Ich möchte auf Distanz gehen zur Bibliothek, ohne den Kontakt zu verlieren. Ich möchte angebunden bleiben, erfahren, was in der HAAB passiert. Die Mitgliedschaft in der GAAB soll mir dabei helfen.

    MS: Sie sind 1958 in Korbach in Nordhessen geboren. Sie sind ein Dorfkind, wie Sie sagen. Nach dem Abitur haben Sie in Frankfurt und Marburg eine interne Ausbildung für den gehobenen Beamtendienst an wissenschaftlichen Bibliotheken absolviert. Das war halb Studium, halb Praxis an der UB Marburg und lief mehr oder weniger parallel. Welche Gründe gab es dafür, dass Sie 1992 als Diplom-Bibliothekarin von der Universitätsbibliothek Marburg nach Weimar gekommen sind?

    BBE: Mein Mann war schon in Jena bei der IG-Metall. Er brachte mir die Stellenausschreibung mit. Das war eine halbe feste Stelle »Einführung der EDV-Katalogisierung«, wie für mich gemacht, denn mein einer Sohn war damals ein gutes Jahr, der andere sieben Jahre alt. Später habe ich die Arbeitszeit immer weiter aufgestockt. Ab 2006 hatte ich eine volle Stelle, aber immer befristet, immer aus Projektmitteln finanziert. Erst ab 2016 war es eine ganze »richtige Stelle«.
    Ich hatte den Ehrgeiz, und ich habe das auch geschafft, dass Kolleginnen, die befristet angefangen haben, bleiben konnten. Wir haben z. B. eine halbe Stelle bei Elternzeit und Projektmittel so miteinander kombiniert, dass es für die Arbeit passte und den Kolleginnen half, dass wir sie behalten und fördern konnten. Die Direktoren, erst Herr Herr Knoche und dann Herr Laube, haben da immer sehr gut mitgemacht. Herr Knoche hat irgendwann in einer Dienstberatung einmal gesagt, ich hätte dafür den Anna-Amalia-Orden am Bande für besonders komplizierte Stellenkonstruktionen verdient. (lacht) Die Kolleginnen haben diesen Orden gebastelt und mir bei der Verabschiedung am 13. Dezember 2022 umgehängt. Der Orden bekommt zu Hause einen besonderen Platz.

    MS: Sie haben viele Entwicklungen der HAAB mitgestaltet. Einstige Zettelkataloge von über 800.000 Titeln finden sich heute im Online-Katalog. Digitale Sammlungen wurden aufgebaut, so dass Nutzerinnen und Nutzer heute in den digitalisierten Beständen »blättern« können. Gab es für Sie eine ganz besondere Herausforderung?

    BBE: Es gab sehr viele im Laufe der Jahre, aber die einschneidendste war die Planung und der Bezug des neuen Studienzentrums und parallel die Bewältigung der Brandfolgen, die uns bis heute beschäftigen.

    MS: Haben Sie einen Lieblingsplatz in der Bibliothek?

    In meinem Büro mit Blick auf das Schloss und den Park habe ich mich immer sehr wohl gefühlt. Und den Konferenzraum mit dem Blick auf das historische Gebäude der Anna Amalia Bibliothek liebe ich auch.

    MS: Künftig entfällt der tägliche Weg in die Bibliothek. Verraten Sie uns etwas über Ihre Pläne im Ruhestand?

    BBE: Ich möchte viel wandern, vorwiegend in Deutschand. Ein erstes Ziel ist der Nationalpark Kellerwald am Edersee in Nordhessen, aber auch die Gegend hier rund um Jena, wo ich wohne. Außerdem möchte ich lesen, worauf ich Lust habe, und nicht mehr Geschäftsvorgänge, E-Mails und Strategiepapiere. (lacht) Und reisen möchte ich, nach Italien in die Toscana zum Beispiel. Auch die Insel Rügen steht auf meiner Liste.

    MS: Vielen Dank für diese Auskünfte. Alles Gute für den neuen Lebensabschnitt und Willkommen in der GAAB!

    Brigitte Becker-Ebenau und Maria Socolowsky GAAB

  • 19. Dezember, 2022 — Die GAAB auf dem Weimarer Weihnachtsmarkt

    Jedes Jahr in der Weihnachtszeit »gehört« der GAAB einen Tag lang die sogenannte »Vereinshütte« auf dem Weihnachtsmarkt. Hier stellt sich an jedem Tag in der Vorweihnachtszeit ein anderer Weimarer Verein vor. Die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek war am Freitag vor dem ersten Advent dran. Wir brachten einen großen GAAB-Aufsteller und viele kleine Basteleien mit an den Stand. Wir haben Vorübergehende ins Gespräch gezogen, unsere Basteleien angepriesen und weggegeben und Vereinsflyer verteilt. Unsere Produkte aus Papier, die wir bei unseren monatlichen Bastelnachmittagen in der Dorfner-Werkstatt im Museum »Neues Weimar« gestaltet hatten, zogen immer wieder Neugierige an. Die nicht sehr zahlreichen Weihnachtsmarktbesucher, die bei ungemütlichem Wetter Glühwein und Weihnachtsgeschenke suchten, brachten meist genug Zeit mit, um unsere Tannenbaumanhänger, Quilling-Sterne, Scherenschnitte, Untersetzer aus Papier, Origami-Schachteln und Ketten aus Papierperlen zu bestaunen.

    Viele Gespräche, die bei Fröbel-Sternen und Klappkarten begannen, endeten mit der Überlegung, wo man selber zum Zeitpunkt des Bibliothek-Brandes gewesen war, oder bei der Frage: Was finanziert die GAAB? Dazu gehören seit mittlerweile fast 20 Jahren z. B. Buch-Erwerbungen und Veranstaltungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Möglich ist das vor allem durch Spenden.

    Überraschend viele Nicht-Weimarer blieben zu einem längeren Gespräch stehen und profitierten dann auch von unserer Ortskenntnis. Unsere Basteleien gaben wir gegen eine Spende und nicht zu einem festen Preis ab. Wir waren aber auch so frei, kleine Fröbel-Sterne zu verschenken. Das zauberte oft ein Lächeln auf die Gesichter gestresst Vorbeieilender.

    Allen beteiligten GAAB-Mitgliedern – Ilse, Carmen, Regina, Susanne, Sigrun, Sabine und Katharina – hat der Tag trotz Kälte und Regen viel Spaß gemacht. Wir haben viele Anregungen weitergegeben und auch erhalten. Und Spenden haben wir natürlich auch eingenommen, insgesamt 354,16 Euro. Dafür herzlichen Dank.

    Katharina Hofmann GAAB

  • 22. November, 2022 — Bamberger Schätze und E.T.A. Hoffmann - Tagesausflug der GAAB 2022

    Großer Bahnhof für unsere kleine GAAB-Gruppe in der Barock-Stadt Bamberg! Vor dem Dom säumten Vertreter des deutschen Adels und ihre Karossen den Weg zu unserem ersten Ziel. Im Dom sollte die Hochzeit eines Stauffenberg-Sprosses stattfinden. Wir aber gingen gegenüber in die Staatsbibliothek in der Dietzenhofers Neuen Residenz, die dieser Ende des 17. Jahrhunderts für die Bamberger Fürstbischöfe gebaut hatte. Die Leiterin der Staatsbibliothek Prof. Dr. Bettina Wagner und ihr Stellvertreter Dr. Stefan Knoch begrüßten uns und gewährten zunächst einen Blick hinter die Kulissen – Büroarbeitsplätze zwischen Regalen, die Poststelle und die aktuell zu bearbeitenden Belegexemplare der lokalen Verlage, da die Bamberger Staatsbibliothek zugleich Pflichtabgabebibliothek der lokalen Verlage ist. Besonders begeistert haben uns dann natürlich die großartigen Altbestände, die in ihrer Anzahl und Dichte, ihrem Wert und ihrer Schönheit schon Generationen von Forschern beschäftigen. Sehr mit der Sammlung vertraut führten uns Bettina Wagner und Stefan Knoch durch vier prächtige historische Bibliotheksräume (Fotos 2 bis 5). Schnell kam das Gespräch auf besondere Einbände. Besucht haben wir auch die zwei Austellungsräume zu Leben und Werk E.T.A. Hoffmanns. Er hatte in Bamberg als Kapellmeister gewirkt. Wir konnten unter anderem zahlreiche Zeichnungen des vielbegabten Hoffmann anschauen und erkennen, dass seine Bamberger fünf Jahre zwar sehr produktiv, aber doch auch recht unglücklich waren.
    Nach der Mittagspause im fränkischen Gasthaus »Alt Ringlein« standen eine Domführung und ein Gang durch die Innenstadt auf unserem Programm. Selbst wer Dom mit Kaisergrab, Papstgrab und Bamberger Reiter gut kannte, konnte von Matthias Scherbaum noch Neues erfahren (Foto 7). Der promovierte Philosoph und Theologe und Dozent an der Universität erzählte temperamentvoll und kenntnisreich von schnöder Machtpolitik, wissenschaftlichen Ungereimtheiten und architektonischen Besonderheiten, zum Beispiel, dass der berühmte Bamberger Reiter (Foto 8) aus mehreren Teilen zusammen gesetzt wurde. Beim Rundgang durch die Altstadt zeigte uns Matthias Scherbaum die einstigen Wohnorte von E.T.A. Hoffmann und das Haus des Verlegers Carl Friedrich Kunz in der Eisgrube Nr. 14 (Foto 9). Hoffmann war mit Kunz befreundet und besuchte ihn oft. Berühmt ist das Haus In der Eisgrube bis heute durch seinen Türknopf, das sogenannte Apfelweib (Foto 10). Diese Frau hatte schon Hoffmann gesehen. In seiner Erzählung »Der goldene Topf« spielt sie eine geheimnisvolle Rolle. »Unbedingt lesen«, empfahl Matthias Scherbaum.
    Der Weg durch die Stadt war ein schöner Abschluss dieses spannenden Tagesausflugs, der von unseren GAAB-Mitgliedern aus Pyrbaum Uwe und Ilona Jentzsch geplant und bereits im Vorfeld im Einzelnen getestet worden war. Beiden dafür ein ganz herzliches Dankeschön!!.
    Vielen Dank auch unseren Begleitern Bettina Wagner, Stefan Knoch und Matthias Scherbaum. Wir kommen gern wieder nach Bamberg.

    Katharina Hofmann Annette Seemann und Maria Socolowsky GAAB

  • 30. Oktober, 2022 — Einblattdrucke in der HAAB und ihre Geschichte – Folge 3: Claras große Reise

    • Einblattdruck – Claras große Reise

    In der dritten Folge geht es wieder um ein Tier, das im 18. Jahrhundert zu einer Berühmtheit wurde. Allerdings verbreitete es nicht Angst und Schrecken wie die Bestie des Gevaudan aus der letzten Folge, sondern sorgte für Erstaunen und Begeisterung unter den Menschen. Es war exotisch, es war riesig und es begab sich auf eine spektakuläre »Event-Tour« durch ganz Europa. Dies sind die Abenteuer des Rhinozeros Clara, das mit seinem Besitzer 17 Jahre lang unterwegs war, um viele tausend Kilometer von der Heimat entfernt, in Städten aufzutreten, in denen nie zuvor ein lebendes Nashorn gesehen wurde.

    Das Reichsmuseum Amsterdam widmet Clara vom 30. September 2022 bis zum 15. Januar. 2023 eine Sonderausstellung unter dem Titel »Clara und die Krabbeltiere – Vom Horror zum Wunder«. Zu sehen ist u. a. ein großes Gemälde aus dem Staatlichen Museum Schwerin, für dessen Transport sogar Wände des Schweriner Museums geöffnet werden mussten.

    Claras Leben begann dramatisch, denn Jäger hatten ihre Mutter erschossen, als sie gerade einmal einen Monat alt war. In freier Wildbahn hätte das bereits ihren sicheren Tod bedeutet, doch Clara wurde im Haushalt des Generalkonsuls der Niederländischen Ostindien-Kompanie in Bengalen aufgenommen, dort aufgezogen und an den Umgang mit Menschen gewöhnt. 1740 war das Tier zu groß geworden und deshalb an den niederländischen Kapitän Douwe Jansz Mout verkauft. Ihm gelang es, das Rhinozeros sicher auf dem Seeweg in seine Heimatstadt Leiden zu transportieren, wo er das Seefahrerdasein sofort aufgab, um seinen Lebensunterhalt zukünftig mit der zur Schaustellung Claras zu verdienen. Doch ein derart spektakuläres und beispielloses Unternehmen bedurfte einiger Vorbereitungen, die der ehemalige Kapitän mit großem Sachverstand und Geschäftssinn meisterte.

    Zunächst einmal musste er für eine ausreichende Ernährung von Clara sorgen, was bei bisherigen Versuchen, Nashörner in Europa zu halten, unterschätzt wurde und in der Folge zum baldigen Tod der Tiere führte. Claras Nahrung bestand im Wesentlichen aus großen Mengen Stroh und Brot. Je nach Möglichkeit erhielt sie darüber hinaus einige der von ihr sehr geliebten Orangen. Zu trinken bekam sie – wie die Menschen seinerzeit auch – hauptsächlich Bier. Das hatte damals einen deutlich niedrigeren Alkoholgehalt als heute und wurde wegen seiner keimtötenden Eigenschaften und seiner längeren Haltbarkeit dem Wasser oft vorgezogen. Neben dem Bier war der Genuss von Tabak weit verbreitet, dessen Geruch Clara ebenfalls zu schätzen wusste.

    Bei der Planung der Reiseroute und beim Bau eines Transportwagens für das schwere Tier kamen Douwe Jansz Mout seine Erfahrungen als Seefahrer zugute. Der Transportwagen ist auf einem Gemälde von Claras Besuch in Venedig zu sehen und kann als Beleg für dessen einmalige und zweckmäßige Konstruktionsweise dienen. Ein Nashorn wird in Gefangenschaft maximal 40 Jahre alt, weshalb das Alter von immerhin 20 Jahren, das Clara trotz ihrer langen und wenig artgerechten Reise erreichte, durchaus der für damalige Verhältnisse guten Pflege durch seinen Besitzer zugeschrieben werden kann.

    Doch so zweckmäßig der Transportwagen auch konstruiert war, konnte er doch nicht alle Erschütterungen abfangen, die von den holprigen Straßen und Wegen im 18. Jahrhundert verursacht wurden. Daher plante der ehemalige Kapitän die Reiseroute, die ihn und Clara 1746/47 zunächst von Leiden nach Hannover und danach über mehrere Stationen nach Breslau und Wien führte, unter maximaler Ausnutzung der See- und Binnenschifffahrtswege. Die immensen Kosten des Unternehmens sollten von den Einnahmen möglichst mehr als gedeckt werden. Deshalb startete Douwe Jansz Mout die größte und erfolgreichste Werbekampagne seiner Zeit. Die gelang ihm vor allem mit Hilfe von Einblattdrucken, auf denen seine Attraktion Clara dargestellt und beschrieben war. Sie wurden in seinem Auftrag an verschiedenen Orten hergestellt und teils von ihm selbst
    zum Kauf angeboten
    .

    Diese Einblattdrucke, von denen sich bis heute mehr als zwanzig verschiedene Beispiele erhalten haben, erfüllten einerseits den Zweck eines Werbeflyer, andererseits waren einige von ihnen auch als Souvenir im Rahmen der Veranstaltung erhältlich. Allen Blättern ist gemeinsam, dass Clara entsprechend ihrer Größe breiten Raum in der bildlichen Darstellung einnimmt. Der Text enthält immer Angaben zu Herkunft, Nahrung, angeblichen Verhaltensweisen in freier Wildbahn und natürlich zum Aussehen des Nashorns. Darunter waren auch Fehleinschätzungen, wie die seit der Antike tradierte Mär, dass Nashörner Elefanten mit ihrem Horn töten und die Annahme, dass sie 100 Jahre alt werden können. Individuelle Textzusätze auf vielen der erhaltenen Drucke kündigen die jeweils geplante Aufenthaltsdauer in verschiedenen Städten sowie die Höhe des Eintrittsgelds an. Der in der HAAB erhaltene Einblattdruck zeigt im linken Teil der bildlichen Darstellung ein Segelschiff und davor einen Matrosen, der Clara einen Schluck aus seinem Glas anbietet. Der Text enthält keine »Tourdaten«, weshalb es sich möglicherweise um einen der Drucke handeln könnte, die als Souvenir direkt beim Veranstalter erworben werden konnten.

    Claras Tour sorgte in ganz Europa für immenses Aufsehen, weshalb Adlige, Fürsten und Könige es sich nicht nehmen ließen, das Nashorn höchstselbst in Augenschein zu nehmen. In Berlin war Friedrich der Große derart beeindruckt, dass er Douwe Jansz Mout insgesamt 18 Golddukaten zukommen ließ. In Wien erwies ihm Maria Theresia die Ehre und war so begeistert, dass sie seinem niederländischen Besitzer einen Adelstitel verlieh. Von nun an war »Herr van de Meer« mit Clara unterwegs, was sich natürlich positiv auf den weiteren Verlauf seines Unternehmens auswirkte. Von Wien ging die Reise weiter durch Süd- und Mitteldeutschland – unter anderem mit Stationen in Regensburg, Dresden und Leipzig. In Meißen entstand zu diesem Anlass eine Porzellanfigur, deren Vorbild nun nicht mehr das von Albrecht Dürer einst gezeichnete Nashorn mit dem zweiten Horn auf dem Rücken war, sondern Clara. Noch heute bietet die Nymphenburger Porzellanmanufaktur eine entsprechende Figur mit ihrem Namen an.

    Weitere Höhepunkte der Reise waren 1749/50 Versailles und Paris, wo der französische König Ludwig XV. das Nashorn gerne für seinen privaten Zoo erworben hätte. Doch der Preis, den van de Meer nannte, entsprach in etwa dem dreifachen Jahreseinkommen des Königs, weshalb er von diesem Einkauf absehen musste. Van de Meer gönnte seiner Clara während der Europatournee immer wieder längere Erholungsphasen, die beide dann zurück nach Leiden führten, wo van de Meer mittlerweile geheiratet und eine Familie gegründet hatte.

    1757/58 brachen er und sein Rhinozeros schließlich zu ihrer letzten Reise nach London auf, wo Clara kurz darauf im Alter von etwa 20 Jahren plötzlich und aus unbekannten Gründen verstarb. Bis dahin hatte sie eine unglaubliche Berühmtheit in ganz Europa erlangt. Sie wurde auf Kupferstichen in Büchern und auf Gemälden verewigt und war Motiv verschiedener kunsthandwerklicher Produkte wie Porzellanfiguren und Uhren. In Erwartung ihres Besuchs kreierten Coiffeure in Florenz sogar eine Frisur »a la rhinocéros«. Noch lange nach ihrem Tod fand sie Erwähnung in Briefen, Gedichten und anderen Erinnerungen. Bis heute wirkt Claras Leben in Gestalt von Büchern und Ausstellungen nach. Jüngstes Beispiel ist das Erscheinen eines Spiels für Kinder, das nach ihr benannt ist. Die Spur von Claras Besitzer dagegen verliert sich nach ihrem Tod. Sehr wahrscheinlich kehrte er zurück nach Leiden und verbrachte dort den Rest seines Lebens im Kreise seiner Familie – und das vermutlich, dank Clara, finanziell gut abgesichert.

    Signatur des Einblattdrucks: 19 B 10697

    Matthias Hageböck Mitarbeiter der HAAB Bestandserhaltung/Restaurierung