Teil der Globensammlung der »Herzogin Anna-Amalia Bibliothek«

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  • 22. Oktober, 2020 — GAAB-Ausflug 2020 zu Bibliotheksschätzen in Zeitz

    GAAB-Gruppe vor der Michaeliskirche in Zeitz

    Ein GAAB-Tagesausflug unter Corona-Bedingungen. 17 Damen und Herren aus Weimar, Jena und Leipzig wagten ihn unter Wahrung aller Vorsichtsmaßnahmen und wurden mit großartigen Begegnungen und Eindrücken in Zeitz belohnt. Wolfgang Haak aus dem Vorstand der GAAB hatte uns ein wunderbares Programm vorbereitet, das aufgrund der in Naumburg ansässigen Leitung der Vereinigten Domstifter Naumburg, Merseburg und Zeitz doch nur mit vielen Nachfragen realisiert werden konnte. In der im Torhaus von Schloss Moritzburg in Zeitz untergebrachten Stiftsbibliothek empfing uns der Historiker Dr. Matthias Ludwig. Mit ihm hatten wir einen nicht nur äußerst kenntnisreichen, sondern auch wortgewaltigen, sympathischen Gastgeber, der uns in einer fast zweistündigen Führung einen wunderbaren Überblick über seltene und wertvolle alte Drucke, illuminierte Manuskripte und andere bibliophile Kostbarkeiten gab. Er schilderte uns auch die Bedeutung des letzten katholischen Bischofs der Diozöse Naumburg, des Juristen und Universalgelehrten Julius von Pflug (1499-1564), der als theologischer Autodidakt eine wichtige Vermittlerrolle für die Reformation einnahm und sich als Katholik (wenn auch erfolglos) für die Einführung der Priesterehe und des Laienkelchs eingesetzt hatte. Er war Berater Karls V., jedoch in seinem politischen Wollen letztlich auch erfolglos. Seine große Privatbibliothek (1000 Bände immerhin, sehr viel für die damalige Zeit) hatte Julius von Pflug dem Stiftssitz in Zeitz vermacht, wo sie heute noch aufbewahrt ist und ohne jegliche Entnahmen in den politischen Zeitläuften gerade des 20. Jahrhunderts die Zeiten überdauern konnte. Herausragend innerhalb dieser Sammlung sowie der Pflugiana insgesamt sind die Gesetzessammlung Justinians und auch die Korrespondenz zwischen Pflug und Melanchthon. Aber die Zeitzer Sammlung hat auch ganz andere Schätze zu bieten: einen »Bestseller« aus der Inkunabelzeit konnten wir in Gestalt des Faszikulus Temporum, einer Weltchronik des Kölner Mönchs Werner Rolevinck, ebenso bestaunen wie eine Urkunde des »Reisekaisers« Friedrich II, der darauf als König von Jerusalem siegelte! Besonders beeindruckte uns auch ein ansonsten unbekanntes karolingisches Evangeliar des 9. Jahrhunderts, das in einer lateinisch-althochdeutschen Mischhandschrift von ca. 830 vermutlich in Mainz entstand. Doch auch in späterer Zeit wurde in Zeitz weiter gesammelt. Von großer Bedeutung und Schönheit sind die Kartenwerke des 18. und 19. Jahrhunderts, die in einem Projekt in Zusammenarbeit mit der ThULB Jena digitalisiert wurden.
    Nach einem Stadtspaziergang durch die Zeitzer Altstadt, vorbei auch am Franziskanerkloster, heute »Kulturkirche«, erreichten wir unser Wirtshaus am Rossmarkt, wo wir angenehm pausierten. An der Michaeliskirche erwarteten uns anschließend zwei Zeitzerinnen in historischen Kostümen. Karin Sieg und Ines Enzmann aus der Kunst- und Kulturgruppe der Evangelischen Kirchengemeinde Zeitz führten uns engagiert und kenntnisreich durch die Michaeliskirche und deren Pfarrbibliothek. Die Michaeliskirche war erst zum Reformationsjubiläum 2017 komplett saniert worden. Die ursprünglich romanische Basilika (Ersterwähnung 1154) wurde in der frühen und späten Gotik jeweils überformt und weist auch noch wichtige Fresken in ihrer Nonnenkapelle aus dieser Zeit auf. Heute ist die Michaeliskirche das evangelische Zentrum von Zeitz. Auch hier ein besonderer Schatz: In der Pfarrbibliothek wurde 1882 ein außerordentlich seltener Plakatdruck der Lutherischen Thesen aus dem Jahr 1517 entdeckt. Den konnten wir im Evangelischen Gemeindezentrum an der Michaeliskirche in einem gesonderten, eigens gesicherten Raum bewundern. Die Begeisterung unserer beiden Führerinnen für ihre Kirche, für die Bibliothek sprang auf uns über, und wir verbrachten auch hier 90 spannende uns begeisternde Minuten.

    Annette Seemann

  • 28. August, 2020 — Turmmodell bietet Einblick ins Innere der Bibliothek

    Turmmodell der HAAB - Übergabe an Bibliotheksdirektor Dr. Reinhard Laube (links) durch die GAAB-Vorsitzende Dr. Annette Seemann  und  Architekturmodellbauer Thomas Looks (im Hintergrund)(von links nach rechts)

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    Ein Modell der Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB) bietet künftig im Studienzentrum der HAAB Einblick in das Innere des Turms der berühmten Bibliothek. Der Weimarer Architekturmodellbauer Thomas Looks hat das Holzmodell im Maßstab 1:50 geschaffen und am 26. August 2020 der Bibliothek übergeben. Finanziert wurde das Modell aus Eigenmitteln der Gesellschaft der Anna Amalia Bibliothek e. V. und mit Hilfe von Spenden. Die GAAB dankt allen, die durch ihre Spende den Modellbau mit ermöglicht haben. Das Modell wird künftig in die Vermittlungsarbeit, z. B. in die Führungen, der Bibliothek eingebunden.
    Thomas Looks, Jahrgang 1971, hat an der Bauhaus-Universität Architektur studiert. Als Architekturmodellbauer war er an vielen Modellen beteiligt. Dazu gehören die Kulturbibliothek Nordhausen, das Rathaus Arnstadt sowie Wettbewerbsmodelle für die Mole Rostock und das Augustinerkloster Erfurt. Für die Herzogin Anna Amalia Bibliothek schuf er mit einem Kollegen nach dem Brand 2004 ein Längsschnitt-Modell, das für den Wiederaufbau der Bibliothek genutzt wurde. Anlässlich der Übergabe des Turmmodells sprach Maria Socolowsky (MS) mit Thomas Looks (TL).

    MS Sie arbeiten seit über 15 Jahren als Architekturmodellbauer. Wie kam es dazu?

    TL Das hat sich so ergeben. Das war nicht geplant. Im Studium habe ich einige Modelle gesehen. Mich hat das Material fasziniert und was man alles mit Modellen darstellen kann. Viele Architekturmodelle sind aus Kunststoff, weiß. Aber ich mag Holz ganz besonders. Es macht mir Freude, mit den verschiedenen Holzarten, mit den Strukturen zu spielen. Man kann soviel damit darstellen, experimentieren, verschiedene Materialien kombinieren. Für mich ist der Architekturmodellbau in der heutigen Zeit eine sehr gute Verbindung zwischen Kunsthandwerk und digitalem Geschehen.

    MS Was waren für Sie besondere Herausforderungen beim Modell des Turms der HAAB?

    TL Das war der runde Körper des Turms. Den kann man nicht so einfach aus Holz bauen. Als allergrößtes Problem erwies sich die Wendeltreppe. Da habe ich sehr viel probiert. An drei Stellen des Turms musste ich dann doch Kunststoff nehmen. Aber nur sehr genaue Beobachter werden sie erkennen. Eine Herausforderung war auch die Modellgröße im Maßstab von 1:50. Da muss man viele Details viel genauer modellieren als bei kleineren Modellen. Üblich z. B. bei Architekturwettbewerben ist der Maßstab von 1:500.

    MS Ist es leichter, ein historisches Gebäude zu modellieren, als eins, das sich Architekten gerade ausgedacht haben?

    TL Das kann man nicht vergleichen. Das Modell für einen Neubau entsteht im Austausch zwischen Architekt und Modellbauer. Gebäudestrukturen, Planungen, Wegeführungen – all das muss man aus dem Modell herauslesen können. In alten Gebäuden stecken meist verschiedene Epochen. Alles ist schief und krumm. Das kann man nicht einfach so bauen. Da muss man einen neuen Plan erstellen, um ein Modell schaffen zu können. Besonders interessant ist es für mich, wenn sich eine Neuplanung mit dem Altbestand verbindet, man verschiedene Höhen, Materialien, architektonische Details aufnehmen kann – wie das z. B. bei der Herzogin Anna Amalia Bibliothek der Fall war.

    MS Was bedeutet Ihnen die Herzogin Anna Amalia Bibliothek? Verbinden Sie mit ihr eventuell auch ganz persönliche Erlebnisse?

    TL Ich bin mit der Bibliothek erst nach dem Brand 2004 in Berührung gekommen, durch das Modell, das ich 2005 für den Wiederaufbau geschaffen habe. Ich war erschüttert darüber, was das Feuer angerichtet hat. Inzwischen ist die Bibliothek wunderschön wiederaufgebaut worden. Mich hat es sehr gefreut, dass ich durch das Turmmodell noch einmal engeren Kontakt zur Bibliothek bekommen habe.

    Maria Socolowsky

  • 11. Juni, 2019 — Wolfenbütteler Schüler*innen in Weimar - »Einlassen auf Goethe, Schiller und Co.«

    Gruppenbild im Bücherkubus

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    Im März haben Weimarer Schüler in Wolfenbüttel geforscht, im Juni die Wolfenbütteler in Weimar. Die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek e. V. (GAAB) und die Gesellschaft der Freunde der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel e.V. (GdF) finanzieren diesen Austausch. Natürlich wollen wir von der GAAB immer wissen: WIE war’s? Gern geben wir die Eindrücke des Betreuers Wilfried Seyfarth und der SchülerInnen weiter.

    BERICHT über den Schüler-Austausch »Weimar-Wolfenbüttel« 2019

    Goethes »Iphigenie« und die »Weimarer Klassik« sind als literarische Themen des niedersächsischen Zentralabiturs im Fach Deutsch für das Jahr 2021 ausgewählt. Diese Tatsache stellte für die 20 ElftklässlerInnen des Gymnasiums im Schloss eine besondere Motivation dar, am diesjährigen Austauschprojekt teilzunehmen.
    Das Leben der Weimarer Klassiker konnte von den SchülerInnen unmittelbar an den Originalschauplätzen in Augenschein genommen werden. Ihre Werke, deren Interpretation und Rezeption, standen im Zentrum der Arbeit in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Der Fluch der Tantaliden, Goethes Verarbeitung dieses antiken Mythos in seiner »Iphigenie« vor dem Hintergrund des klassischen Autonomie- und Humanitätsideals, die kritische Betrachtung dieses Menschenbildes, auch angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen, die Frage, welche Bedeutung biographischen Zusammenhängen zukommt (Goethes Schwester Cornelia, die Freundin Charlotte von Stein), wurden geprüft.
    Im Kursunterricht des nächsten Schuljahres werden die TeilnehmerInnen die erworbenen Kenntnisse ihren Schulkameraden weitergeben, ebenso wie die Hinweise auf hilfreiche Sekundärliteratur, die sie im Freihandbereich der Herzog August Bibliothek fanden.
    Wilfried Seyfarth

    Erfahrungsberichte der Schülerinnen und Schüler:

    »Die Fahrt nach Weimar war für uns positiv überraschend. Wir hatten eine sehr interessante und aufschlussreiche Woche. Trotz der vielen Informationen, die wir in dieser kurzen Zeit bekommen haben, kriegten wir unsere Köpfe frei und konnten uns vollkommen auf das Flair der Stadt und das Leben von Goethe, Schiller und Co. einlassen. Die Erfahrung, in einer Bibliothek zu arbeiten und sich selbstständig mit einem Thema zu befassen, schätzen wir sehr und denken, dass es uns noch sehr viele Vorteile verschaffen wird. Dass wir diese Möglichkeit bekommen haben, auf eine interessante und jugendgerechte Weise Historie und Literatur kennenzulernen und gleichzeitig auch viel selber interpretieren und diskutieren zu können, schätzen wir sehr und würden es jedem, der bereit ist, sich auf etwas Arbeit und Konzentration einzulassen, empfehlen.«
    Farina, Pauline, Karla und Vanessa

    »Die Arbeit in Weimar war sehr interessant, hauptsächlich durch die zahlreichen kulturellen Aktivitäten wie die Führungen durch zum Beispiel das Schillerhaus, und hat sehr gut auf das Abitur vorbereitet, da wir die Möglichkeiten hatten, selbst ausgewählte Themen zu vertiefen. Zusammengefasst kann ich das Programm sehr empfehlen auch als Person, die Deutsch nicht unbedingt auf erhöhtem Niveau macht, da Weimar eine tolle Stadt ist, die viel zu bieten hat.«
    Medina

    »Das Weimar-Wolfenbüttel Projekt war für uns eine kulturelle Bereicherung. Die Arbeit in der Anna Amalia Bibliothek hat uns sehr viel gebracht, sowohl zum Inhalt des Unterrichts in kommenden Jahrgängen als auch zur Art des Arbeitens an sich. Das selbständige Heraussuchen und Lesen von Informationen war spannend.«
    Mina, Lina, Lisanne, Tasha und Amelie

    »Die Stadt mit ihren alten Gebäuden ist sehr beeindruckend und wirkt, unter anderem durch die Menschen, sehr aufgeweckt.
    In der Bibliothek kann man sehr gut arbeiten. Da die vorangegangene Erklärung der Lehrkräfte und Betreuer sehr ausführlich und gut verständlich war, gab es auch hier keine Probleme.
    Vorrangig haben wir an diesem Projekt teilgenommen, um uns auf das bevorstehende Abitur 2021 vorzubereiten. Aber selbst wenn man Deutsch nicht als Leistungskurs gewählt hat, so macht es doch Sinn, an dieser Fahrt teilzunehmen. Es steigert nicht nur die Allgemeinbildung, sondern man lernt auch eine wunderschöne Stadt kennen. Es ist sehr interessant, einen Einblick in das Leben der Autoren der Weimarer Klassik zu bekommen. Durch die Führung kann man vielleicht so etwas wie ›den Geist Goethes oder Schillers‹ fühlen. Wir würden jederzeit wieder teilnehmen.«
    Veit, Florian, Justus, Linus und Timm

    Wilfried Seyfarth (Lehrer) und Schülerinnen und Schüler aus Wolfenbüttel

  • 23. April, 2019 — Weimarer Schüler forschen in Wolfenbüttel

    Weimarer Schüler in Wolfenbüttel

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    Weimarer Schüler forschen in Wolfenbüttel, Wolfenbütteler in Weimar. Die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek e. V. (GAAB) und die Gesellschaft der Freunde der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel e.V. (GdF) unterstützen sie dabei.

    2019 waren die Weimarer bereits in Wolfenbüttel, wie immer betreut von Wilfried Seyfarth. Er ist Oberstudienrat am Gymnasium im Schloss in Wolfenbüttel, gleichzeitig Bibliothekspädagoge und seit 2007 Koordinator der Schülerseminare. Über das jüngste Schülerseminar in Wolfenbüttel schrieb er an die Bibliotheksfreundeskreise:

    Liebe GdF, liebe Frau Seemann, lieber Herr Behn,

    vom 19.–22. März haben 12 Schülerinnen Wolfenbüttel besucht, intensiv in der Herzog August Bibliothek zu ausgewählten Themen gearbeitet und die Ergebnisse ihren Wolfenbütteler Partnerinnen vorgestellt: »Lessing in Wolfenbüttel – Glück oder Unglück?«; »Individuation des Menschen in der Aufklärung«; »Ziele und Verfahrensweisen der Alchemie«; »Figur und Person: Beziehungen zwischen Amalie König und Lessings Figur der Recha aus seinem Drama »Nathan der Weise«; »Das Bild der Frau und des Kindes im 18. Jahrhunder«; »Gartenkunst und Landschaftsgestaltung im 18. Jahrhunder«.

    Die Arbeit in der Bibliothek wurde ergänzt durch ein umfangreiches Kulturprogramm, das die Weimarer Gymnasiasten des Schillergymnasiums mit ihrer Lehrerin Frau Waldow gemeinsam mit den Wolfenbüttelern Partnerschülerinnen erlebten.

    Die 20 Wolfenbütteler Schülerinnen des Gymnasiums im Schloss haben ihre Partnerinnen über die Geschichte Wolfenbüttels in Form von Filmen und Vorträgen informiert, die im Rahmen eines »Wolfenbüttel-Pedia«-Projektes entstanden sind.

    Die Arbeit in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und das »Erlebnis« Weimar vom 03.–07. Juni werden in diesem Jahr für die Wolfenbütteler Gruppe besonders spannend und ertragreich sein, sind die Themen »Weimarer Klassik« und Goethes »Iphigenie« doch anspruchsvolle Themen für ihr kommendes Zentralabitur im Fach Deutsch.

    Besonderer Dank für die finanzielle Förderung gilt den Freundesgesellschaften beider Bibliotheken. Im Anhang finden Sie Fotos, die Eindrücke von der Arbeit in Wolfenbüttel vermitteln.

    Liebe Grüße
    Wilfried Seyfarth

    … wir freuen uns alle sehr auf Weimar im Früh-Sommer !

    Wilfried Seyfarth

  • 03. April, 2019 — Der Schriftsteller Peter Neumann und seine Entdeckungen in der HAAB

    Peter Neumann © Dirk Skiba

    Peter Neumann lebt als freier Schriftsteller in Berlin und lehrt Philosophie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er wurde 1987 in Neubrandenburg geboren. Er hat in Jena Philosophie studiert, 2017 promoviert. Für seine Promotion und sein Buch »Jena 1800. Die Republik der freien Geister« hat er in der HAAB in Weimar recherchiert. Am 10.04.2019 stellte er das Buch in der HAAB vor. Maria Socolowsky (MS) sprach mit Peter Neumann (PN).

    MS Sie haben an der Friedrich-Schiller Universität 2007 zunächst ein Jahr Medizin studiert. Danach erfolgte der Wechsel zur Philosophie. Wie kam es dazu?

    PN (Lachend) Ich habe schon während des Physikums gemerkt, dass ich mich doch mehr für Goethes Farbenlehre interessiere als für den Chemie- und Physik-Vorkurs. Für Philosophie und Literatur hatte ich schon immer ein Gehör. Da lag der Wechsel nahe.

    MS In Ihrem Buch: »Jena 1800. Die Republik der freien Geister« widmen Sie sich einem Kreis junger Dichter, zu dem die Brüder Schlegel und deren Frauen, der Philosoph Schelling und der Dichter Novalis gehörten. Was hat Sie an diesen Menschen gereizt?

    PN Ich habe den Kreis um die Jenaer Frühromantik immer als ungeheuer lebendig empfunden. Anspruchsvoll in der Methodik, modern im Denken. Jena 1800: Das ist eine gesellschaftliche Utopie im Kleinen. Gemeinsam leben, denken und streiten, geht das – und wenn ja: wie?

    MS Sie haben in Jena studiert und promoviert, aber in Weimar gewohnt. Hatte das mit der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zu tun?

    PN Zunächst war es eine ganz pragmatische Entscheidung, weil ich in Weimar eine schöne Wohnung gefunden habe. Jena ist da bekanntlich ein schwieriges Pflaster. Dass es am Ende insgesamt zwölf Jahre Thüringen geworden sind, hatte aber schon mit der HAAB zu tun. Für mich ist es die beste Bibliothek der Welt. Und ich sage das nicht nur aus einem irgendeinem falsch verstandenen Lokalpatriotismus heraus.

    MS: Warum das? Was schätzen Sie an der HAAB besonders?

    PN Ich habe die Bibliothek sehr liebgewonnen. Wo findet man eine Bibliothek, in der die Bibliothekarinnen einen mit Vornamen ansprechen, in der sich Freundschaften entwickeln. Ich habe das Klima in der Bibliothek immer als sehr offen empfunden. Man kommt sofort ins Gespräch, wenn man es möchte. Die HAAB ist ein funktionierender Mikrokosmos, in dem man zwei, drei Wochen verschwinden kann, ohne sich alleine zu fühlen. Und man kann produktive Pausen machen – im Park, im Innenhof, in den Sesseln im Bücherkubus.

    MS Haben Sie für das Buch »Jena 1800. Die Republik der freien Geister« vor allem in der HAAB gearbeitet?

    PN Ja. 80 bis 90 Prozent des Buches sind in der Bibliothek entstanden, 10 Prozent am eigenen Küchentisch. (Lachend) Nach den vielen Stunden im Lesesaal wollte ich zu Hause nicht auch noch am Schreibtisch sitzen, also musste meine kleine Küche herhalten.

    MS Welche besonderen Entdeckungen haben Sie bei Ihren Recherchen in der HAAB gemacht?

    PN Für das Buch brauchte ich viel Material, auch sehr abseitige Dinge – wie zum Beispiel einen Theaterkalender von 1800, in dem sich ein Stück über die »Physiognomie der Theatervorhänge« befand. Es ging um die Umbauarbeiten des Hoftheaters 1798 – ein barockes Logentheater, das zu einem modernen Theater umgestaltet wird. Das Alte ist vorbei, das Neue steht an der Schwelle. Im Theaterkalender wird der neue Theatervorhang beschrieben und man erfährt, dass die Figur der Dichtkunst als geflügelte Figur auf dem Vorhang angebracht war. Solche Funde sind ein Geschenk für ein erzählendes Sachbuch. Sie helfen ungemein, möglichst anschaulich zu beschreiben, wie der Theatersaal damals aussah.
    Eine andere schöne Geschichte ist die der Botenfrau, der Jungfer Wenzel. Sie hat große Teile des Briefwechsels zwischen Goethe und Schiller besorgt. Zweimal in der Woche ist sie von Jena nach Weimar und wieder zurückgelaufen und hat damit maßgeblich den Rhythmus der Korrespondenz bestimmt. Manchmal hat sie auch gewartet, bis die Antwort fertig war. In der Bibliothek habe ich Material über sie und auch ein Bild von ihr, eine Zeichnung, gefunden.

    MS Was haben Sie in der HAAB gelesen, wenn es einmal nicht um die Arbeit am Ihrem Buch ging?

    PN Neben meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni bin ich auch Lyriker. Ich fand es schön, dass die Romanbibliothek der HAAB nicht weit vom Lesesaal entfernt lag. Alles war griffbereit, wenn man es brauchte. Auf meinen Tisch im Lesesaal lagen dann immer ganz verschiedene Stapel – auf der einen Seite ein Stapel Bücher aus der Romanbibliothek, auf der anderen Seite ein zweiter mit Arbeitsmaterialien für mein Buch »Jena 1800. Die Republik der freien Geister«, und dann noch einer für das Tagesgeschäft.

    MS Anfang 2019 haben Sie den Ort und die Stelle gewechselt. Woran arbeiten Sie gerade?

    PN Im Januar habe ich an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg eine neue Stelle angetreten und mit meiner Habilitationsschrift begonnen. Im Prinzip habe nicht nur den Ort, sondern auch die Zeit, zu der ich forsche, gewechselt – von 1800 ins 20. Jahrhundert, obwohl es natürlich viele Problemlagen gibt, die sich kontinuierlich durchziehen. Das Thema meiner Habilitationsschrift lautet: »Was ist Zeitgenossenschaft?« – Ich untersuche, was es überhaupt heißt, sich in ein Verhältnis zu seiner eigenen Zeit zu setzen (auch um 1800 war das vielleicht das entscheidende Thema), und wie geschichtliche Gegenwart gerade vor dem Hintergrund von und in direkter Konfrontation mit realgeschichtlichen Totalitäts- und Ohnmachtserfahrungen, wie sie insbesondere das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, epistemisch in den Blick gerückt und darstellungstheoretisch bewältigt wird. Walter Benjamin, Adorno, Hanna Arendt und Siegfried Kracauer sind hier meine Referenzautoren.
    Außerdem arbeite ich gerade für fünf Monate in der Feuilleton-Redaktion der Wochenzeitung »Die Zeit« in Hamburg. Eine Stipendienauszeit, bevor es im Herbst wieder zurück an die Uni geht und ich auch die Arbeit am nächsten Sachbuch aufnehmen kann. Geplant ist diesmal kein Querschnitt, sondern gewissermaßen ein Längsschnitt durch die Zeit.

    MS Ich wünsche Ihnen für Ihre Arbeit viel Erfolg und danke Ihnen sehr für das Gespräch!

    Maria Socolowsky