Teil der Globensammlung der »Herzogin Anna-Amalia Bibliothek«

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  • 22. September, 2016 — Wie das Fliegenfischen in die HAAB kam

    John Horrocks (1816 Edinburgh-1881 Weimar)

    Der begeisterte Fliegenfischer* John Horrocks (1816 Edinburgh–1881 Weimar) veröffentlichte bei Bernhard Friedrich Voigt in Weimar 1874 sein Hauptwerk Die Kunst der Fliegenfischerei auf Forellen und Aschen in Deutschland und Österreich**, das er mit einer Widmung versehen hatte: »Seiner königlichen Hoheit dem Großherzog Carl Alexander von Sachsen in tieffster Ehrfurcht gewidmet vom Verfasser.« Das Buch findet sich im Bestand der HAAB. Ein Digitalisat davon ist abrufbar. Die Dedikation meinte den Fürsten Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach (1818–1901), der in Thüringen von 1853 bis 1901 regierte.

    1843 hatte Horrocks die Tochter des Großherzoglichen Kämmerers Karl Hahn geheiratet. Mit dem Kauf des Hauses Marienstr. 105 erwarb er das Bürgerrecht der Stadt. Zehn Jahre später war er ein zweites Mal Witwer geworden und Vater von fünf Kindern. Seine Existenz in Weimar war hauptsächlich auf die Professionalisierung des Fischens und die Verbesserung der Fischereigesetze zum Schutz der Bestände im Großherzogtum ausgerichtet. Als passionierter Jäger und Sportangler machte er dazu anhand der neuesten Erkenntnisse aus seinem Heimatland Reformvorschläge. Mit Ludwig Preller (1809–1891), der seit 1847 Leiter der heutigen HAAB war, gab es eine äußerst delikate Auseinandersetzung. Horrocks hatte eines Tages einem Sohn den Umgang mit einer Jagdwaffe zeigen wollen. Dabei löste sich ein Schuss, der ein Fenster der im Nachbarhaus wohnenden Familie Preller einschlug. Es heißt, auf diesen Zwischenfall habe sich eine anhaltende Feindschaft gegründet. Horrocks Zwillingsbruder Charles (1816–1885 in Ostend) verbrachte ebenfalls viele Jahre mit seiner Frau in Weimar. Er wandte sich dem Schreiben zu und verfasste hier zwei Romane, in denen die Kindheit und sein Verhältnis zu seinem Vater im Mittelpunkt stehen. Den ersten Roman widmete er der Großherzogin Maria Pawlowna, der er für ihre Unterstützung seiner Familie dankte. Ein Exemplar dieses Buches besitzt die Bibliothek. Weitere Werke zur Fischerei und zum Fischereiwesen von John Horrocks befinden sich ebenfalls im Bestand der HAAB. 1889 erschien der Band Gesetze und Verordnungen für das Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach die Fischerei betreffend.

    John Horrocks, ein Mann von der Insel, war und bleibt mit seinem Werk der bedeutendste Botschafter Großbritanniens in Kontinentaleuropa für die besonnene, faire Fischerei mit der Fliege. Eine Ehrentafel für ihn ist auf dem Historischen Friedhof angebracht. Der Thüringische Traditionsverein im Fliegenfischen trägt den Namen »John Horrocks« Thüringen e.V.


    * Das Fliegenfischen ist eine besondere Methode des Angelns. Da hier der Köder, allgemein Fliege genannt, zum Werfen zu leicht ist, wird das Gewicht der besonderen Schnur als Wurfgewicht verwendet. Dies verlangt eine spezielle Wurftechnik und spezielles Angelgerät. Der Name Fliegenfischen stammt von der ursprünglichen Art der Köderimitation. In filigraner, phantasievoller und nach Perfektion strebender Handfertigung werden täuschend echt wirkende künstliche Fliegen hergestellt, die wie lebende Insekten aussehen. Eine von Hrrocks erfundene Fliege trägt seinen Namen und wird noch heute verwendet.

    ** Statt der Bezeichnung Asche verwendet man heute die Bezeichnung Äsche.

    Roland Bärwinkel

  • 18. September, 2016 — Gabriele Reuter (1859–1941): Recherche über eine (fast) vergessene Schriftstellerin

    Buchcover: Gabriele Reuter – Leben und Werk einer geborenen Schriftstellerin (1859–1941)

    Ich habe schon einige Bücher zur Weimarer Kulturgeschichte sowie auch weibliche Biographien verfasst. Bei Gabriele Reuter traf sich beides – wie schon bei der Herzogin Anna Amalia. Gabriele Reuter hat viele Jahre ihres Lebens in Weimar verbracht und geschrieben. Sie ist auch hier verstorben. Ihr Hauptwerk, der Roman Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens, war 1895 im S. Fischer Verlag erschienen.

    Ich wollte diese Bestsellerautorin aus der Zeit um 1900, die ledige Mutter einer Tochter, mit einer Biographie dem Vergessen entreißen. Die Recherchen in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek waren dafür zentral, wenngleich sofort deutlich wurde, dass zahlreiche ihrer Romane und Novellen 2004 beim Brand der Bibliothek zerstört worden waren. Aber innerhalb weniger Tage konnte ich die meisten Werke Gabriele Reuters per Fernleihe erhalten und lesen. Zeitschriftenartikel, die sie auch verfasste, erhielt ich in Kopien. Aber ich wollte, dass sich auch andere Leser überzeugen können, wie sehr Gabriele Reuters Goethe- und Nietzsche-Verehrung in ihre Romane eingegangen ist. Deshalb schlug ich der Herzogin Anna Amalia Bibliothek vor, die verlorenen Bücher antiquarisch neu zu erwerben. Gleichzeitig spendete der Freund und Schriftsteller Wulf Kirsten mehrere Reuter-Werke aus seiner Privatbibliothek, so dass Gabriele Reuter inzwischen wieder sehr repräsentativ in der Bibliothek vertreten ist. Ich danke Wulf Kirsten und der Erwerbungsabteilung dafür.

    Nicht vergessen darf ich jedoch den beträchtlichen handschriftlichen Nachlass Gabriele Reuters im Goethe- und Schiller-Archiv, den ich benutzt und verwandt habe, sowie die Quellen des Stadtarchivs Weimar. Dort fand ich zu den Wohnorten der Autorin und ihren Zeitgenossen und Gesprächspartnern sehr viel Aufschlussreiches. An allen Forschungsorten wurde ich kompetent und freundlich begleitet, wie immer. So konnte ich etwas mehr Licht in das Dunkel des noch nicht lange vergangenen Lebens und Werks einer für mich bedeutenden Schriftstellerin bringen.

    Dr. Annette Seemann | Vorsitzende der GAAB

  • 06. September, 2016 — Bedeutende Gäste der HAAB – George Eliot in Weimar

    George Eliot (National Portrait Gallery)

    Unter den Gästen Weimars im 19. Jahrhundert finden sich große Namen der Literatur, genannt werden sollen unter den Ausländern nur Ivan Turgenev, Henrik Ibsen und Thomas Carlyle. Ihre Namen finden sich im Gästebuch der Bibliothek. Aus England kam 1854 George Eliot (1819–1880), die für einige Monate hier lebte. Weimar nennt sie das Athen des Nordens. Doch fragt sie sich: »How could Goethe live here, in this dull, lifeless village?« Schnell entdeckt sie die Vorzüge. Die Parkanlagen und Schlösser um Weimar bieten ihr glückliche Stunden. Jenas Landschaft fasziniert sie, der Thüringer Wald. Den Tiefurter Park nennt sie ein kleines Paradies. Interessant sind ihre Vergleiche mit englischen Gewohnheiten, etwa bei den Speisen, in den Umgangsformen. Ihren ersten Kontakt hat sie zu Adolf Schöll, dem damaligen Leiter der Kunstanstalten in Weimar. 1861 übernimmt Adolf Schöll die Leitung der Großherzoglichen Bibliothek, der heutigen Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Er gibt der Autorin die Möglichkeit, sich etwa die Dichterzimmer im Schloss anzusehen oder das Schloss in Tiefurt zu besichtigen. George Eliot charakterisiert ihren Begleiter Schöll als einen exzellenten Kenner der Geschichte Weimars, des literarischen und kulturellen Lebens, einen geistvollen Mann auch im privaten Umgang. Schöll zeigt ihr auch die Räume der Bibliothek und schenkt ihr zum Abschied einen Band mit Gedichten von Uhland. Briefe und Tagebucheinträge der Autorin spiegeln ihre Eindrücke von diesem Aufenthalt. Darunter auch von ihren Begegnungen mit Johann Peter Eckermann, Hoffmann von Fallersleben und Franz Liszt. Von George Eliot besitzt die Bibliothek eine Vielzahl ihrer Werke. Auch den Roman Middlemarch, den 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler 2015 sogar zu dem bedeutendsten britischen Roman wählten. In der Kaufstraße 2, wo sie gemeinsam mit dem Goethe-Biographen George Henry Lewis wohnte, ist zu beider Ehren auf Initiative der George Eliot Fellowship eine Gedenktafel angebracht. Mit seinen Schriften machte das Paar die deutsche Kultur, Weimar und Goethe in Großbritannien bekannt.

    Abbildung
    Sir Frederic William Burton, George Eliot (Mary Ann Cross)
    Kreide, 1865
    NPG 669
    © National Portrait Gallery, London, CC BY-NC-ND 3.0

    Roland Bärwinkel

  • 28. Juli, 2016 — Schüler aus Wolfenbüttel »erobern« die Herzogin Anna Amalia Bibliothek

    Eine Woche lang haben 16- und 17-jährige vom Gymnasium im Schloss in Wolfenbüttel die Herzogin Anna Amalia Bibliothek erkundet und ihre Schätze für eigene Projekte genutzt. Das von der GAAB finanzierte Schülerseminar machte es möglich.

    Michele Hansen und Anna Lena Harms haben die gesamte Weimarfahrt, alle Stationen und Sehenswürdigkeiten in der Stadt Weimar gefilmt. Daraus soll nach den Sommerferien ein 15-minütiger Film entstehen. Hannah Butzke und Hanna Angerstein haben sich in das Thema Alchemie vertieft und dazu in der Anna Amalia Bibliothek Bilder und Bücher zum Beispiel zu chemischen Prozessen studiert.
    Margarete Berndt hat sich mit ihrer Gruppe den Handlungsräumen von Frauen im späten 18. Jahrhundert gewidmet und Zitat von Cornelia Goethe, Dorothea Schlegel und Charlotte von Lengefeld gesammelt. Aus dem Material soll nach den Sommerferien ein Theaterstück entstehen, in dem auch Goethe eine Rolle spielt. Die GAAB ist gespannt auf die Ergebnisse.

    Post erhielt die GAAB vom Lehrer der Gymnasiasten. Er schrieb unter anderem:

    Liebe Frau Seemann,

    Meine Schülerinnen und Schüler haben in der Woche viel erfahren und erlebt. Eine außerordentlich informative Stunde konnten wir im Schiller-Haus erleben, als Herr Nasdala uns Uwe Johnsons Auseinandersetzung mit der frühen DDR-Kulturpolitik hinsichtlich des »kulturellen Erbes der deutschen Klassik« in seinem Roman »Ingrid Babendererde – Reifeprüfung« vorstellte. Dieser Roman wird für unsere Schüler/Innen Gegenstand des Deutsch-Zentralabiturs 2017 sein. Lebendig, anschaulich und verständlich wurde uns die Welt Schillers und Goethes in Weimar vorgeführt.

    Meine 5 Schüler und 12 Schülerinnen haben die Zeit in Weimar genutzt, um ihre Projekte zu unserem Schuljubiläum im September 2016 vertiefend auszuarbeiten. Wir planen Vorträge, kleine Spielszenen und einen Film, in denen die Verbindung zwischen Weimar und Wolfenbüttel veranschaulicht werden soll (Goethe und seine Schwester Cornelia, Schiller und Lessing mit ihren Ehefrauen werden dort u.a. auftreten). …

    Die Gruppe und ich möchten uns vielmals herzlich für die Unterstützung dieses Projektes seitens der GdF und der GAAB seit nunmehr fast 10 Jahren bedanken (nächstes Jahr also haben wir 10jähriges »Jubiläum«)!

    Herzliche Grüße,
    Ihr Wilfried Seyfarth

    Maria Socolowsky

  • 02. Juni, 2016 — Das gerettete Berlioz-Manuskript

    Fragment aus der Ouvertüre zur Oper »Les Francs-Juges« von Hector Berlioz – Uraufführung: Paris 1828 (Kopie, kein Autograph)

    Das Manuskript der Ouvertüre zur Oper »Les Francs-Juges« – dt. »Die Femerichter« – von Hector Berlioz (1803–1869) gehört zu den nach dem Brand geretteten, aber stark beschädigten Musikalien der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. 80 von 97 Seiten sind erhalten, aber die ersten Seiten und das Titelblatt der Komposition fehlen. Warum handelt es sich? Das aufzuklären, das war ein »Fall« für Christian Märkl. Er hat an der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar Komposition studiert und widmet sich in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek der Identifizierung beschädigter Musikalien. Im Fragment der Ouvertüre entdeckte er die französischen Bezeichnungen der Instrumente, darunter eine Ophikleide, ein dem Fagott ähnliches Blechblasinstrument. Das wurde selten verwendet und auch erst im 19. Jahrhundert entwickelt. Über diese Spur konnte Christian Märkl das Werk von Berlioz identifizieren. Wie die Abschrift in den Besitz der Bibliothek gelangte und wer sie gefertigt hat, das ist noch ungeklärt. Sicher ist, dass das Werk am 19. März 1837 in Weimar aufgeführt wurde.

    Hector Berlioz gehört zu den wichtigsten französischen Komponisten des 19. Jahrhunderts. Er war mehrfach in Weimar zu Gast. Franz Liszt und seine Gefährtin Fürstin von Sayn-Wittgenstein haben ihn geschätzt und gefördert. Berlioz’ Oper 1846 in Paris uraufgeführte Oper »La damnation de Faust« – dt. »Fausts Verdammnis« – basiert auf Goethes Faust.

    Für die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist mit Berlioz’ Werk ein wertvolles, verlorengeglaubtes Manuskript gerettet, denn es lässt sich restaurieren. Spenden dafür und für die Restaurierung vieler anderer Werke sind weiterhin willkommen.

    Maria Socolowsky