Teil der Globensammlung der »Herzogin Anna-Amalia Bibliothek«

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  • 03. August, 2017 — GAAB-Mitglieder stellen sich vor

    Liebe Mitglieder der GAAB.

    Seit 27 Jahren arbeite ich als Bibliothekarin in der Erwerbung der HAAB. So ist es inzwischen nur natürlich für mich Mitglied der GAAB zu werden. Am sinnvollsten scheint es mir, mich Ihnen mit einem Gedicht vorzustellen.

    Ihre Liane Bosse


    Bibliothekare

    was wir Zeit nennen
    war Morgen und Abend
    Aufstehen und Schlafen
    Gespräche während der Arbeit
    während des Mittagsganges
    über den Markt
    ich weiß dass sie
    von ihren Schreibtischen aufsahen
    und dem Park lauschten
    im Refugium der Fensterbögen

    meine Hände folgen ihren
    über den Handlauf der Treppe
    hinauf in die Galerien

    hier sahen sie
    das schwindende Licht
    auf den Regalen

    vielleicht standen sie still
    in Abwesenheiten versunken

    die Abwesenheit der Erbauer
    die Abwesenheit der Dichter

    vielleicht blieben sie
    länger als notwendig
    an den späten Nachmittagen
    allein mit dem Rätsel des Raumes
    allein mit den wachsenden Schatten

    sprich Saal
    von jenen
    die fern sind

    Liane Bosse

  • 22. Februar, 2017 — Die HAAB – für Young-Ae Chon der Inbegriff des Glücks

    Young-Dae Chon – Professorin für Deutsche Literatur an der National University Seoul

    »Eine deutsche Bibliothek, in der ich nach Büchern, den zu Hause manchmal dringend vermissten, nur die Hand auszustrecken brauche, in der ich noch dazu nur für mich arbeiten darf, ist für mich schon lange der Inbegriff des Glücks. Diese Erfahrung mache ich in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, weil ich dort den Zugang zum Großen Goethe und zum weiten Meer der deutschen Klassik gefunden habe. In Weimar gibt es neben den Büchern auch Menschen, die sie von Herzen pflegen.«
    Young-Ae Chon – Professorin für Deutsche Literatur an der National University Seoul

    Wenn es einen Wettbewerb gäbe für Nutzer der Herzogin Anna Amalia Bibliothek mit dem entferntesten Wohnsitz, hätte Frau Young-Ae Chon eine gute Gewinnchance. Ihre Wohnung liegt gut 10.000 Kilometer von Weimar entfernt in der Nähe von Seoul/Südkorea. Das hält sie aber nicht davon ab, jedes Jahr ein- oder zweimal für einige Tage nach Weimar in die Bibliothek zu kommen.

    Beim ersten Mal vor mehr als zwanzig Jahren kam sie mit einem Stipendium der Goethe-Gesellschaft in die Stadt. Damals studierte sie von morgens bis abends im alten Lesesaal des Historischen Bibliotheksgebäudes. So lernte ich sie kennen: Weil sie immer bis zur letzten Minute arbeitete, trafen wir um Punkt 18 Uhr im Vestibül zusammen, als der Hausmeister schon mit dem Schlüsselbund klimperte. Dann verpasste sie immer den letzten Bus nach Belvedere, weil es ihr wichtiger war, auch noch die letzten Minuten in der Bibliothek auszukosten. So hatte sie im Winter einen Teil des Wegs im Stockdunkel zu Fuß zurückzulegen, um ihre Unterkunft im Schloss zu erreichen. (In den neunziger Jahren waren Wohnraum und Unterbringungsmöglichkeiten in der Stadt besonders knapp und die Straßenbeleuchtung lückenhaft.) Aber, wie sie selber sagt, hat das alles ihre Liebe zu Weimar und zur Bibliothek nur verstärkt. Ihre damals entstandenen Briefe aus Weimar sind leider nur auf Koreanisch erschienen.

    Frau Chon ist eine unglaublich emsige Arbeiterin. Professor Terence James Reed hat in seiner Laudatio auf sie anlässlich der Übergabe der Goldenen Goethe-Medaille 2011 gesagt, man frage sich verwundert, wie viele Stunden der Tag in Korea habe. Wenn die Bibliothek morgens öffnet, kann man sicher sein, dass sie schon einige Stunden an ihrem Laptop gearbeitet hat. Aber es ist noch nie jemandem gelungen, sie überanstrengt, erschöpft oder missmutig anzutreffen. Immer ist sie bereit zu lachen oder zumindest freundlich und neugierig in die Welt zu blicken.

    Ihre Professur an der renommierten National University Seoul ist der deutschen Literatur gewidmet. Im dortigen Institut hängt ein großes Poster der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Bis 2016 hat sie Vorlesungen gehalten und äußerst beliebte Lehrveranstaltungen zum Verständnis der deutschen Klassiker angeboten. Dazu gehörte stets auch ein Wochenendseminar in ihrem privaten Landhaus über Goethes Faust. Ihr liegt besonders am Herzen, den Studenten Freude am Lesen beizubringen.

    Young-Ae Chon gehört zu den wichtigsten Kulturmittlern zwischen Deutschland und Korea. Viele Werke der deutschen Literatur wurden von ihr ins Koreanische übertragen: von Kafka, Celan, Christa Wolf, Durs Grünbein bis Reiner Kunze. 1989, als die Mauer fiel, war sie gerade zu einem Studienaufenthalt in Berlin und hat das koreanische Publikum mit der ihm völlig unbekannten Literatur aus der DDR bekannt gemacht: Vor der brechenden Mauer hieß die Anthologie, die 1990 in Seoul erschien. Jetzt bereitet sie ihre koreanische Ausgabe von Faust I und Faust II vor, nachdem andere Übersetzungen Goethes wie Dichtung und Wahrheit, der West-östliche Divan oder seine Gedichte schon publiziert sind. Wahrscheinlich wird sie bald wieder mit einer langen Liste an Fragen nach Weimar kommen, die sie in der Bibliothek zu klären hofft. Nur für ihre eigenen Gedichte, auf Deutsch oder Koreanisch geschrieben, braucht sie keine Bibliothek. Da genügt ihr hellwacher Kopf.

    Dr. Michael Knoche

  • 18. Januar, 2017 — Malerisches Amerika – Ein präsidiales Buchgeschenk

    Buchgeschenk Barack Obama, Picturesque America in der geöffneten Schachtel, © Klassik Stiftung Weimar/Herzogin Anna Amalia Bibliothek

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    Zu den Schätzen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek gehören auch zwei imposante Bände, die ihr vom höchsten Repräsentanten der USA geschenkt wurden, vom 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama. Während seines zweiten Staatsbesuches in Deutschland im Juni 2009 hatte Obama das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald besichtigt. Der geplante Besuch in der Stadt Weimar und in der Bibliothek wurde aus terminlichen Gründen abgesagt. Das präsidiale Buchgeschenk übergaben schließlich am 6. Juli 2009 der damalige Thüringer Ministerpräsident Dieter Althaus und die US-Generalkonsulin Katherine M. Brucker an Bibliotheksdirektor Dr. Michael Knoche.

    Der Bildband Picturesque America, Or the Land We Live In, ein amerikanischer Bestseller aus dem 19. Jahrhundert, erschien 1872–74 im New Yorker Appleton Verlag als sogenanntes Lieferungswerk, das heißt 14-tägig wurde dem Abonnenten eine Teillieferung zugesandt bis zur Vervollständigung und Bindung. Der Herausgeber William Cullen Bryant war ein bekannter amerikanischer Dichter der Romantik und politischer Journalist.

    Mit 900 Holzstichen, 50 Stahlstichen und 65 Essays dokumentiert das zweibändige Werk die nationale Sehnsucht nach einer ästhetischen Betrachtung der amerikanischen Landschaft nach dem vierjährigen Sezessionskrieg. Dieses Werk diente dazu, ein neues nationales Selbstbild zu schaffen, das die Wiedervereinigung des Nordens und Südens und die Inkorporation des Westens widerspiegelt.

    Zu bewundern sind Landschaftsbilder wie die Niagarafälle, der Yosemite-Nationalpark, der Mississippi River und die Rocky Mountains sowie zahlreiche Stadtansichten mit Plätzen, Parks und architektonischen Sehenswürdigkeiten und Denkmälern aus dem gesamten vereinten Land. Die entsprechenden textlichen, sehr bildhaften und lebendigen Beschreibungen sowie die hervorragende technische Umsetzung durch die Illustratoren begeistern den Betrachter und unterstreichen die Vielfältigkeit und Schönheit des Landes. Die Ausgabe hatte entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Tourismus in den USA sowie die Stärkung des Naturschutzgedankens in Amerika.

    Die Darstellungen des Malerischen Amerika basieren auf den Gemälden einer Vielzahl der besten amerikanischen Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts, insbesondere Harry Fenn und Douglas Woodward. Die Motive wurden in brillanter Weise von den Stechern Robert Hinshelwood, Edward Paxman Brandard, Samuel Valentine Hunt, William Wellstood, William Chapin und Henry Bryan Hall umgesetzt.

    Die beiden Bücher umschließen braune Maroquin-Einbände. Das besonders feine und weiche Leder verzieren Prägungen in Gold und Schwarz sowie Steh- und Innenkantenvergoldung. Überreicht wurden die Bücher in einer mit Goldpapier und goldener Banderole verzierten Schachtel, auf welcher das Große Siegel der Vereinigten Staaten, das offizielle Dienstsiegel und Hoheitszeichen der USA, geprägt ist. Das Siegel wurde 1782 eingeführt. Es wird häufig in offiziellen Dokumenten verwendet.

    Das beeindruckende Buchgeschenk des amerikanischen Präsidenten wurde digitalisiert und ist über den Online-Katalog sowie in den Digitalen Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek recherchier- und einsehbar.

    Zu Picturesque America in den Digitalen Sammlungen der Bibliothek

    Anja Müller

  • 25. November, 2016 — Bericht von der Exkursion nach Nürnberg

    Gruppenbild Exkursion Nürnberg November 2016

    Nürnberg, eins der historisch wichtigsten Buch- und Druckzentren Deutschlands, war das Ziel der diesjährigen Tagesfahrt der GAAB. Uwe und Ilona Jentzsch, GAAB-Mitglieder aus der Nähe von Nürnberg, hatten den Exkursionstag in allen Details für uns geplant, wofür wir ihnen sehr herzlich danken! Das schöne Gruppenbild verdanken wir unserem Mitglied Volker von Loewenich.

    Zum Auftakt haben wir das Albrecht-Dürer-Haus in der Altstadt besucht. Nach einem Mittagessen in einem traditionell fränkischen Restaurant besichtigten wir die Historisch-Wissenschaftliche Stadtbibliothek. Die Leiterin Dr. Christine Sauer zeigte uns zunächst das gesamte Gebäudeensemble der Bibliothek, die zu den ältesten kommunalen Bibliotheken im deutschen Sprachraum zählt. Die Historisch-Wissenschaftliche Stadtbibliothek ist aus der einstigen Ratsbibliothek hervorgegangen, die in Nürnberg nachweisbar seit 1370 existierte. Ab 1525 wurden auch die Klosterbibliotheken aus dem Stadtgebiet in den Bestand aufgenommen. Dieser Altbestand enthält 700 000 Medieneinheiten. Davon sind 3000 Handschriften und 77.000 Drucke. Auch in Nürnberg sammelt man übrigens wie in Weimar Stammbücher – Freundschaftsbücher, die es seit mehr als 450 Jahren gibt. Auch solche wurden uns gezeigt. Besonders beeindruckend war aber eins der insgesamt fünf Hausbücher der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen. Diese soziale Einrichtung der Stadt existierte zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert. Hier lebten alte Handwerker, die sich nicht mehr selbst ernähren konnten. In den Hausbüchern wurden sie vorgestellt und in ihrer einstigen Berufskleidung gezeichnet.
    Schlusspunkt unserer Exkursion war ein thematischer Stadtrundgang durch Nürnbergs Altstadt. Erneut standen das Buch, der Buchdruck, Verleger und Autoren, die in Nürnberg ansässig waren, im Fokus – zum Beispiel die aus Frankfurt/Main stammende Tochter des Kupferstechers Matthäus Merian Maria Sibylla Merian. Sie lebte ab 1670 elf Jahre lang in Nürnberg und entwickelte sich dort zur Naturforscherin und Künstlerin.

    Die Exkursion der GAAB 2017 führt uns voraussichtlich erneut in die Buchstadt Leipzig, dann in die Universitätsbibliothek und das Grassi-Museum.

    Dr. Annette Seemann | Vorsitzende der GAAB

  • 04. Oktober, 2016 — Jubiläum: 325 Jahre Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Sonderausgabe von SupraLibros erschienen

    Blick in den Bestand der »Herzogin Anna-Amalia Bibliothek«

    Link zur Jubiläumswebsite

    Am 30. September 2016 feierte die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ihr 325-jähriges Bestehen mit einem Festakt im Deutschen Nationaltheater Weimar und einem Konzert im Musikgymnasium Schloss Belvedere. Den Festvortrag hielt der Herausgeber der F.A.Z. Jürgen Kaube. Die Bibliothek erinnert mit dem Festakt an den Ausbau der herzoglichen Büchersammlung unter Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar ab 1691, den dann, zwei Generationen später, Anna Amalia in einem eigenen Bibliotheksgebäude als strategisches Projekt betrieb. Heute ist die Bibliothek eine öffentlich zugängliche Forschungsbibliothek für Literatur- und Kulturgeschichte mit Schwerpunkt auf der deutschen Literatur der Zeit um 1800. Diese Entwicklung ist aufs Engste mit dem 25-jährigen Wirken ihres Direktors Dr. Michael Knoche verbunden. Das Gründungsjubiläum der Bibliothek fiel mit dem Ende der Amtszeit Michael Knoches zusammen, der am 30. September als 28. Nachfolger von Konrad Samuel Schurzfleisch, dem ersten Bibliotheksdirektor, und als erster Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in den Ruhestand trat. Mit der Tagung »Die Zukunft des Sammelns an wissenschaftlichen Bibliotheken« im April 2016 und seinem jüngst erschienenen Buch Auf dem Weg zur Forschungsbibliothek. Studien aus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek hält Michael Knoche ein entschlossenes Plädoyer für das bibliothekarische Konzept des Sammelns, das heute zunehmend in Frage gestellt wird.

    Die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek widmet Michael Knoche zum Abschied eine Sonderausgabe ihrer Zeitschrift SupraLibros mit 33 Beiträgen von Wegbegleitern, Freunden und Kollegen sowie einer Chronik 1991–2016. Im Blog der Klassik Stiftung Weimar stehen Ausschnitte des Festaktes als Video zur Verfügung sowie Auszüge aus der Rede Michael Knoches.

    Die letzten 25 Jahre zählen zu den bewegtesten und bewegendsten der Bibliotheksgeschichte. Seit der politischen Wiedervereinigung 1989/90 und der Gründung der Stiftung Weimarer Klassik 1991 besuchten zahlreiche gekrönte Häupter, Staats- und Regierungschefs die Weimarer Bibliothek, darunter der japanische Tenno Akihito und der französische Präsident Mitterrand. Sie besichtigten den Rokokosaal der Bibliothek als Sinnbild für Weltliteratur und klassische Bildung. Mit der Umbenennung der (Zentral-)Bibliothek der deutschen Klassik zur Herzogin Anna Amalia Bibliothek fanden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jahr 1991 unaufgeregt einen Namen für den Neuanfang. Im Jahr 1998 erklärte die UNESCO die Weimarer Klassikerstätten zum Weltkulturerbe, 1999 feierten Millionen Besucher die Kulturhauptstadt Europas. In der Nacht vom 2. auf den 3. September 2004 brannte die Bibliothek. Wie Michael Knoche und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Wiederaufbau des Gebäudes und der Buchbestände gelang, beschreibt er in seinem betont sachlichen Erinnerungsbuch Die Bibliothek brennt.

    Die letzten zehn Jahre der Bibliotheksarbeit waren vorrangig durch die Rekonstruktion und Restaurierung der durch Feuer und Löschwasser zerstörten oder geschädigten Bestände geprägt. Hinzu kamen systematische Provenienzermittlungen, insbesondere zu NS-Raubgut, der Ausbau und die Erschließung historischer Sammlungen, Digitalisierungsprojekte und die Unterstützung kulturwissenschaftlicher Forschungsvorhaben.

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    Timm Nikolaus Schulze