Teil der Globensammlung der »Herzogin Anna-Amalia Bibliothek«

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  • 22. Oktober, 2020 — GAAB-Ausflug 2020 zu Bibliotheksschätzen in Zeitz

    GAAB-Gruppe vor der Michaeliskirche in Zeitz

    Ein GAAB-Tagesausflug unter Corona-Bedingungen. 17 Damen und Herren aus Weimar, Jena und Leipzig wagten ihn unter Wahrung aller Vorsichtsmaßnahmen und wurden mit großartigen Begegnungen und Eindrücken in Zeitz belohnt. Wolfgang Haak aus dem Vorstand der GAAB hatte uns ein wunderbares Programm vorbereitet, das aufgrund der in Naumburg ansässigen Leitung der Vereinigten Domstifter Naumburg, Merseburg und Zeitz doch nur mit vielen Nachfragen realisiert werden konnte. In der im Torhaus von Schloss Moritzburg in Zeitz untergebrachten Stiftsbibliothek empfing uns der Historiker Dr. Matthias Ludwig. Mit ihm hatten wir einen nicht nur äußerst kenntnisreichen, sondern auch wortgewaltigen, sympathischen Gastgeber, der uns in einer fast zweistündigen Führung einen wunderbaren Überblick über seltene und wertvolle alte Drucke, illuminierte Manuskripte und andere bibliophile Kostbarkeiten gab. Er schilderte uns auch die Bedeutung des letzten katholischen Bischofs der Diozöse Naumburg, des Juristen und Universalgelehrten Julius von Pflug (1499-1564), der als theologischer Autodidakt eine wichtige Vermittlerrolle für die Reformation einnahm und sich als Katholik (wenn auch erfolglos) für die Einführung der Priesterehe und des Laienkelchs eingesetzt hatte. Er war Berater Karls V., jedoch in seinem politischen Wollen letztlich auch erfolglos. Seine große Privatbibliothek (1000 Bände immerhin, sehr viel für die damalige Zeit) hatte Julius von Pflug dem Stiftssitz in Zeitz vermacht, wo sie heute noch aufbewahrt ist und ohne jegliche Entnahmen in den politischen Zeitläuften gerade des 20. Jahrhunderts die Zeiten überdauern konnte. Herausragend innerhalb dieser Sammlung sowie der Pflugiana insgesamt sind die Gesetzessammlung Justinians und auch die Korrespondenz zwischen Pflug und Melanchthon. Aber die Zeitzer Sammlung hat auch ganz andere Schätze zu bieten: einen »Bestseller« aus der Inkunabelzeit konnten wir in Gestalt des Faszikulus Temporum, einer Weltchronik des Kölner Mönchs Werner Rolevinck, ebenso bestaunen wie eine Urkunde des »Reisekaisers« Friedrich II, der darauf als König von Jerusalem siegelte! Besonders beeindruckte uns auch ein ansonsten unbekanntes karolingisches Evangeliar des 9. Jahrhunderts, das in einer lateinisch-althochdeutschen Mischhandschrift von ca. 830 vermutlich in Mainz entstand. Doch auch in späterer Zeit wurde in Zeitz weiter gesammelt. Von großer Bedeutung und Schönheit sind die Kartenwerke des 18. und 19. Jahrhunderts, die in einem Projekt in Zusammenarbeit mit der ThULB Jena digitalisiert wurden.
    Nach einem Stadtspaziergang durch die Zeitzer Altstadt, vorbei auch am Franziskanerkloster, heute »Kulturkirche«, erreichten wir unser Wirtshaus am Rossmarkt, wo wir angenehm pausierten. An der Michaeliskirche erwarteten uns anschließend zwei Zeitzerinnen in historischen Kostümen. Karin Sieg und Ines Enzmann aus der Kunst- und Kulturgruppe der Evangelischen Kirchengemeinde Zeitz führten uns engagiert und kenntnisreich durch die Michaeliskirche und deren Pfarrbibliothek. Die Michaeliskirche war erst zum Reformationsjubiläum 2017 komplett saniert worden. Die ursprünglich romanische Basilika (Ersterwähnung 1154) wurde in der frühen und späten Gotik jeweils überformt und weist auch noch wichtige Fresken in ihrer Nonnenkapelle aus dieser Zeit auf. Heute ist die Michaeliskirche das evangelische Zentrum von Zeitz. Auch hier ein besonderer Schatz: In der Pfarrbibliothek wurde 1882 ein außerordentlich seltener Plakatdruck der Lutherischen Thesen aus dem Jahr 1517 entdeckt. Den konnten wir im Evangelischen Gemeindezentrum an der Michaeliskirche in einem gesonderten, eigens gesicherten Raum bewundern. Die Begeisterung unserer beiden Führerinnen für ihre Kirche, für die Bibliothek sprang auf uns über, und wir verbrachten auch hier 90 spannende uns begeisternde Minuten.

    Annette Seemann