Teil der Globensammlung der »Herzogin Anna-Amalia Bibliothek«

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  • 22. Februar, 2017 — Die HAAB – für Young-Ae Chon der Inbegriff des Glücks

    Young-Dae Chon – Professorin für Deutsche Literatur an der National University Seoul

    »Eine deutsche Bibliothek, in der ich nach Büchern, den zu Hause manchmal dringend vermissten, nur die Hand auszustrecken brauche, in der ich noch dazu nur für mich arbeiten darf, ist für mich schon lange der Inbegriff des Glücks. Diese Erfahrung mache ich in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, weil ich dort den Zugang zum Großen Goethe und zum weiten Meer der deutschen Klassik gefunden habe. In Weimar gibt es neben den Büchern auch Menschen, die sie von Herzen pflegen.«
    Young-Ae Chon – Professorin für Deutsche Literatur an der National University Seoul

    Wenn es einen Wettbewerb gäbe für Nutzer der Herzogin Anna Amalia Bibliothek mit dem entferntesten Wohnsitz, hätte Frau Young-Ae Chon eine gute Gewinnchance. Ihre Wohnung liegt gut 10.000 Kilometer von Weimar entfernt in der Nähe von Seoul/Südkorea. Das hält sie aber nicht davon ab, jedes Jahr ein- oder zweimal für einige Tage nach Weimar in die Bibliothek zu kommen.

    Beim ersten Mal vor mehr als zwanzig Jahren kam sie mit einem Stipendium der Goethe-Gesellschaft in die Stadt. Damals studierte sie von morgens bis abends im alten Lesesaal des Historischen Bibliotheksgebäudes. So lernte ich sie kennen: Weil sie immer bis zur letzten Minute arbeitete, trafen wir um Punkt 18 Uhr im Vestibül zusammen, als der Hausmeister schon mit dem Schlüsselbund klimperte. Dann verpasste sie immer den letzten Bus nach Belvedere, weil es ihr wichtiger war, auch noch die letzten Minuten in der Bibliothek auszukosten. So hatte sie im Winter einen Teil des Wegs im Stockdunkel zu Fuß zurückzulegen, um ihre Unterkunft im Schloss zu erreichen. (In den neunziger Jahren waren Wohnraum und Unterbringungsmöglichkeiten in der Stadt besonders knapp und die Straßenbeleuchtung lückenhaft.) Aber, wie sie selber sagt, hat das alles ihre Liebe zu Weimar und zur Bibliothek nur verstärkt. Ihre damals entstandenen Briefe aus Weimar sind leider nur auf Koreanisch erschienen.

    Frau Chon ist eine unglaublich emsige Arbeiterin. Professor Terence James Reed hat in seiner Laudatio auf sie anlässlich der Übergabe der Goldenen Goethe-Medaille 2011 gesagt, man frage sich verwundert, wie viele Stunden der Tag in Korea habe. Wenn die Bibliothek morgens öffnet, kann man sicher sein, dass sie schon einige Stunden an ihrem Laptop gearbeitet hat. Aber es ist noch nie jemandem gelungen, sie überanstrengt, erschöpft oder missmutig anzutreffen. Immer ist sie bereit zu lachen oder zumindest freundlich und neugierig in die Welt zu blicken.

    Ihre Professur an der renommierten National University Seoul ist der deutschen Literatur gewidmet. Im dortigen Institut hängt ein großes Poster der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Bis 2016 hat sie Vorlesungen gehalten und äußerst beliebte Lehrveranstaltungen zum Verständnis der deutschen Klassiker angeboten. Dazu gehörte stets auch ein Wochenendseminar in ihrem privaten Landhaus über Goethes Faust. Ihr liegt besonders am Herzen, den Studenten Freude am Lesen beizubringen.

    Young-Ae Chon gehört zu den wichtigsten Kulturmittlern zwischen Deutschland und Korea. Viele Werke der deutschen Literatur wurden von ihr ins Koreanische übertragen: von Kafka, Celan, Christa Wolf, Durs Grünbein bis Reiner Kunze. 1989, als die Mauer fiel, war sie gerade zu einem Studienaufenthalt in Berlin und hat das koreanische Publikum mit der ihm völlig unbekannten Literatur aus der DDR bekannt gemacht: Vor der brechenden Mauer hieß die Anthologie, die 1990 in Seoul erschien. Jetzt bereitet sie ihre koreanische Ausgabe von Faust I und Faust II vor, nachdem andere Übersetzungen Goethes wie Dichtung und Wahrheit, der West-östliche Divan oder seine Gedichte schon publiziert sind. Wahrscheinlich wird sie bald wieder mit einer langen Liste an Fragen nach Weimar kommen, die sie in der Bibliothek zu klären hofft. Nur für ihre eigenen Gedichte, auf Deutsch oder Koreanisch geschrieben, braucht sie keine Bibliothek. Da genügt ihr hellwacher Kopf.

    Dr. Michael Knoche