Teil der Globensammlung der »Herzogin Anna-Amalia Bibliothek«

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  • 31. März, 2021 — Scheinbücher - Schätze der HAAB

    Scheinbuch Giftapotheke aus dem 17. Jahrundert

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    Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek zählt zu ihren Schätzen auch Bücher, die gar keine sind, sogenannte »Scheinbücher«. Im Interview mit dem MDR Kultur hat Dr. Arno Barnert, Abteilungsleiter Medienbearbeitung der HAAB Weimar, die Welt der Scheinbücher vorgestellt.

    1. Was verbirgt sich hinter dem Begriff »Scheinbücher«?

    Scheinbücher oder Buchattrappensind Objekte zur Geheimgeschichte von Büchern und Bibliotheken. Sie sind täuschend echte Nachbildungen von Büchern, aber hinter den Buchdeckeln verbergen sich Hohlräume, kleine Geheimmagazine, in denen man Dinge verstecken oder die man zum Schmuggeln von Geheimbotschaften verwenden kann.

    1. Welche »Scheinbücher« gehören zu den Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek? Was erzählen sie uns bzw. was weiß man heute über sie?

    Die Sammlung der HAAB hat ihren Schwerpunkt in der Epoche des Barock und Rokoko. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Täuschung, Maskerade und Verstellung eher positiv gesehen und als Kunstmittel bewusst eingesetzt. In Schlössern hat man zum Beispiel hinter Büchertapeten Geheimtüren eingebaut. Die Illusion war eine zentrale ästhetische Kategorie. Die damaligen Buchattrappen, auch Trompe-l’oeil-Bücher genannt, enthielten etwa Tresore, Schmuck, Pistolen oder Alkohol.

    1. Buchattrappen haben etwas Geheimnisvolles. Sie müssen ganz andere Aufgaben erfüllen als Bücher, zum Teil Dinge sicher verstauen. Wer hat sie »produziert«?

    Buchattrappen wurden hauptsächlich von Buchbindern hergestellt. Dabei waren die äußere Gestaltung und die Wahl der Rückentitel sehr wichtig. Denn Buchattrappen, hinter denen sich Geheimfächer verbergen, wollen gerade keine Aufmerksamkeit erregen. Ihr Ziel ist, in der Vielzahl von Attraktionen und Kommunikationsangeboten nicht aufzufallen. Daher mussten sie möglichst normal und unauffällig aussehen. Insofern verraten sie viel über den jeweiligen Zeitgeschmack.

    1. Was macht »Scheinbücher« bis heute so faszinierend. Warum sind sie ein wichtiger Bestandteil der Sammlungen der HAAB?

    Buchattrappen stellen im wahrsten Sinne des Wortes Fallen dar, sie legen Schlingen. Der Begriff kommt vom französischen Wort attraper: fangen, ertappen. Der Betrachter wird mit einer Augentäuschung in die Irre geführt. Dies durchkreuzt Vorstellungen von einer intakten Ordnung. Es werden Leerstellen erzeugt, im Buch selber und in der Gesamtordnung. Diese bewirken ein Nachdenken über das Buch an sich, über seinen Inhalt und sein Äußeres.
    Einige Beispiele sollen das veranschaulichen.

    Beispiel 1: Ein barockes Scheinbuch aus dem 17. Jahrhundert

    Ein gewöhnlicher Ledereinband aus dem 17. Jahrhundert. Dahinter verbirgt sich eine beidseitig zu öffnende Giftapotheke. Der vordere Einbau enthält zehn kleine Schubfächer z.B. für Tabak, Schierling und Schlafmohn. In der Mitte befindet sich ein Hirschkäfer und ein geschnitzter Schädel als Memento mortis – eine Aufforderung, sich der eigenen Sterblichkeit zu vergewissern. (Im hinteren Einbaubefinden sich weitere Schubfächer z.B. für Nachtschatten, Weißwurz, Hahnenfuß, Adonisrose, Schöllkraut, Faulbaum, Aronstab und Wolfsmilch. In der Mitte ist ein zentrales, durch ein Kettchen gesichertes Fach mit zwei Fläschchen in farblosem Glas.)

    Beispiel 2: Ein Scheinbuch als geheime Likörbar aus dem 18. Jahrhundert

    Diese Attrappe aus dem 18. Jahrhundert ist in Form eines liegenden Bücherstapels gestaltet, der Einband hat einen goldgeprägten Lederbezug und auf den Buchrücken stehen erfundene religiöse Titel. Wenn man die Attrappe aufklappt, erscheinen im Innern eine geheime Likörbar, mit einer vergoldeten Likörflasche und vier Gläsern.
    https://www.klassik-stiftung.de/startseite/digital/sammlungshighlights/giftapotheke-als-buchattrappe/

    Beispiel 3: Ein Scheinbuch als Kommode (ohne Foto)

    Der Einband besteht aus blindgeprägtem Schweinsleder auf Holzdeckeln aus dem 17.Jahrhundert. In den Buchblock wurde eine Kassette/Kommode aus Nußwurzelfurnier mit ornamentalen Intarsien im Stil des 19. Jahrhunderts eingebaut. Die Schubladen sind mit Buntpapier ausgekleidet. Auf dem Spiegel des Vorderdeckels das Titelblatt des vormals enthaltenen Werks, des dritten Bandes der »Locupletissima bibliotheca moralis praedicabilis« von Joseph Mansi, Mainz 1673.

    Beispiel 4: Moderne Buchmasken

    Buchattrappen haben immer auch Künstler inspiriert. In dieser Arbeit des jungen mexikanischen Künstlers Victor Manuel del Moral Rivera dient die Buchform als Maske. Anfang 2020 hat er unter dem Eindruck der beginnenden Corona-Pandemie in Bücher von Goethe, von Schiller und Nietzsche Gucklöcher hineingeschnitten, so dass man sie wie Buchmasken verwenden kann. Die Bücher sind jeweils an bestimmten Textpassagen aufgeschlagen und mit Bändern fixiert. Man kann sie lesen oder wie durch Fenster hindurch in die Welt hinausschauen.

    Autor: Dr. Arno Barnert Fragen: Blanka Weber