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  • 23. März, 2018 — Ein Albaner forscht in der HAAB zu Goethes Begegnungen zwischen Orient und Okzident

    Evin Cami im Studienzentrum der HAAB in Weimar

    Edvin Cami ist Stipendiat der Goethe-Gesellschaft Weimar und Nutzer der HAAB. Er stammt aus Tirana und hat nach dem Abitur Deutsch für Lehramt an der Universität Istanbul studiert, vorher einen Grundkurs Deutsch und einen Grundkurs Türkisch absolviert. Schon damals wäre er gern nach Deutschland gekommen, aber ein Studium im Westen war zu teuer. In Tirana selbst war ein Lehramtsstudium Deutsch damals (1990er Jahre) nicht möglich. Danach studierte er ein weiteres Jahr an der Universität Graz und arbeitete anschließend als Übersetzer aus zahlreichen Sprachen ins Albanische und schloss noch einen Master in Literatur in Tirana ab. Neben seiner jetzigen Lehrtätigkeit an den Universitäten in Durrës und Tirana promoviert er seit acht Jahren und reist dafür immer wieder nach München, wo die Promotion im Bereich »Neuere Deutsche Literatur« angesiedelt ist.

    Annette Seemann (AS) sprach mit Edvin Cami (EC)

    AS: Herr Cami, wie lautet das Thema Ihrer Dissertation?

    EC: Goethe und seine Literatur- und Kulturbegegnungen zwischen Orient und Okzident. Das dreht sich ganz wesentlich um den Westöstlichen Diwan, aber nicht ausschließlich, denn Goethe war auch beispielsweise stark von indischen und chinesischen Impulsen angezogen.

    AS: Kannten Sie Weimar schon, bevor Sie für die drei Monate hierher kamen?

    EC: Ja, vor 9 Jahren, damals wurde meine Tochter geboren, war ich hier schon einmal zu einer Weimarer Sommerschule. Beim Aufenthalt hoffe ich, meine Dissertation abschließen zu können.

    AS: Und dabei nutzen Ihnen die Bestände der HAAB, nehme ich an?

    EC: Ja, sehr. Immer wieder finde ich Quellen, die mir noch nicht bekannt waren bzw. die ich bisher übersehen hatte. So etwa das Buch von Hans-Günther Schwarz Der Orient und die Ästhetik der Moderne von 2003, in dem er den Orientalismus als zweite Renaissance bezeichnet. Und in der großen Freihandbibliothek finde ich oft etwas ganz anderes als das, was ich ursprünglich gesucht habe.

    AS: Wie beurteilen Sie die Arbeitsbedingungen in der HAAB?

    EC: Sehr gut, sehr persönlich, gerade im Vergleich zu der hocheffektiven, technologisch perfekten, aber anonym funktionierenden Münchner Staatsbibliothek. Hier ist das Personal sehr freundlich und hilfsbereit.

    AS: Wie ist die Situation in den Forschungsbibliotheken in Ihrem Heimatland?

    EC: In Durrës ist es eine zwar neue Bibliothek, doch die Technologie fehlt fast vollkommen. Auch ist es eine Präsenzbibliothek und sie hat sehr allgemeine Bestände, will alle Fachrichtungen bedienen, was im Spezifischen doch viele Wünsche offen lässt.

    AS: Wie wird es nach dem Abschluss der Promotion für Sie weitergehen?

    EC: Ich hoffe, dann eine feste Stelle an der Universität Durrës zu erhalten. Das ist auch wahrscheinlich, da viele Studenten in Albanien Germanistik studieren. Überhaupt ist man sehr germanophil in Albanien. Man ist generell am Westen interessiert, der auch schon vor unserer »Wende« als ein Fenster zur Freiheit erschien. Zuerst war es die deutsche Fußballmannschaft, die als Sympathieträger wahrgenommen wurde.

    AS: Ich nehme an, auch Deutschlehrer sind sehr gefragt in Albanien?

    EC: Ja wirklich, viele Schüler möchten Deutsch lernen, weil sie gerne in Deutschland leben oder zumindest arbeiten würden.

    AS: Lieber Herr Cami, ich drücke Ihnen die Daumen für den Abschluss Ihrer Dissertation, und danke Ihnen sehr für das Gespräch!

    Annette Seemann