Teil der Globensammlung der »Herzogin Anna-Amalia Bibliothek«

Blogartikel

‹ alle Blogartikel anzeigen
  • 03. April, 2019 — Der Schriftsteller Peter Neumann und seine Entdeckungen in der HAAB

    Peter Neumann © Dirk Skiba

    Peter Neumann lebt als freier Schriftsteller in Berlin und lehrt Philosophie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er wurde 1987 in Neubrandenburg geboren. Er hat in Jena Philosophie studiert, 2017 promoviert. Für seine Promotion und sein Buch »Jena 1800. Die Republik der freien Geister« hat er in der HAAB in Weimar recherchiert. Am 10.04.2019 stellte er das Buch in der HAAB vor. Maria Socolowsky (MS) sprach mit Peter Neumann (PN).

    MS Sie haben an der Friedrich-Schiller Universität 2007 zunächst ein Jahr Medizin studiert. Danach erfolgte der Wechsel zur Philosophie. Wie kam es dazu?

    PN (Lachend) Ich habe schon während des Physikums gemerkt, dass ich mich doch mehr für Goethes Farbenlehre interessiere als für den Chemie- und Physik-Vorkurs. Für Philosophie und Literatur hatte ich schon immer ein Gehör. Da lag der Wechsel nahe.

    MS In Ihrem Buch: »Jena 1800. Die Republik der freien Geister« widmen Sie sich einem Kreis junger Dichter, zu dem die Brüder Schlegel und deren Frauen, der Philosoph Schelling und der Dichter Novalis gehörten. Was hat Sie an diesen Menschen gereizt?

    PN Ich habe den Kreis um die Jenaer Frühromantik immer als ungeheuer lebendig empfunden. Anspruchsvoll in der Methodik, modern im Denken. Jena 1800: Das ist eine gesellschaftliche Utopie im Kleinen. Gemeinsam leben, denken und streiten, geht das – und wenn ja: wie?

    MS Sie haben in Jena studiert und promoviert, aber in Weimar gewohnt. Hatte das mit der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zu tun?

    PN Zunächst war es eine ganz pragmatische Entscheidung, weil ich in Weimar eine schöne Wohnung gefunden habe. Jena ist da bekanntlich ein schwieriges Pflaster. Dass es am Ende insgesamt zwölf Jahre Thüringen geworden sind, hatte aber schon mit der HAAB zu tun. Für mich ist es die beste Bibliothek der Welt. Und ich sage das nicht nur aus einem irgendeinem falsch verstandenen Lokalpatriotismus heraus.

    MS: Warum das? Was schätzen Sie an der HAAB besonders?

    PN Ich habe die Bibliothek sehr liebgewonnen. Wo findet man eine Bibliothek, in der die Bibliothekarinnen einen mit Vornamen ansprechen, in der sich Freundschaften entwickeln. Ich habe das Klima in der Bibliothek immer als sehr offen empfunden. Man kommt sofort ins Gespräch, wenn man es möchte. Die HAAB ist ein funktionierender Mikrokosmos, in dem man zwei, drei Wochen verschwinden kann, ohne sich alleine zu fühlen. Und man kann produktive Pausen machen – im Park, im Innenhof, in den Sesseln im Bücherkubus.

    MS Haben Sie für das Buch »Jena 1800. Die Republik der freien Geister« vor allem in der HAAB gearbeitet?

    PN Ja. 80 bis 90 Prozent des Buches sind in der Bibliothek entstanden, 10 Prozent am eigenen Küchentisch. (Lachend) Nach den vielen Stunden im Lesesaal wollte ich zu Hause nicht auch noch am Schreibtisch sitzen, also musste meine kleine Küche herhalten.

    MS Welche besonderen Entdeckungen haben Sie bei Ihren Recherchen in der HAAB gemacht?

    PN Für das Buch brauchte ich viel Material, auch sehr abseitige Dinge – wie zum Beispiel einen Theaterkalender von 1800, in dem sich ein Stück über die »Physiognomie der Theatervorhänge« befand. Es ging um die Umbauarbeiten des Hoftheaters 1798 – ein barockes Logentheater, das zu einem modernen Theater umgestaltet wird. Das Alte ist vorbei, das Neue steht an der Schwelle. Im Theaterkalender wird der neue Theatervorhang beschrieben und man erfährt, dass die Figur der Dichtkunst als geflügelte Figur auf dem Vorhang angebracht war. Solche Funde sind ein Geschenk für ein erzählendes Sachbuch. Sie helfen ungemein, möglichst anschaulich zu beschreiben, wie der Theatersaal damals aussah.
    Eine andere schöne Geschichte ist die der Botenfrau, der Jungfer Wenzel. Sie hat große Teile des Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller besorgt. Zweimal in der Woche ist sie von Jena nach Weimar und wieder zurückgelaufen und hat damit maßgeblich den Rhythmus der Korrespondenz bestimmt. Manchmal hat sie auch gewartet, bis die Antwort fertig war. In der Bibliothek habe ich Material über sie und auch ein Bild von ihr, eine Zeichnung, gefunden.

    MS Was haben Sie in der HAAB gelesen, wenn abseits der Arbeit am Buch in gelesen?

    PN Neben meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni bin ich auch Lyriker. Ich fand es schön, dass die Romanbibliothek der HAAB nicht weit vom Lesesaal entfernt lag. Alles war griffbereit, wenn man es brauchte. Auf meinen Tisch im Lesesaal lagen dann immer ganz verschiedene Stapel – auf der einen Seite ein Stapel Bücher aus der Romanbibliothek, auf der anderen Seite ein zweiter mit Arbeitsmaterialien für mein Buch »Jena 1800. Die Republik der freien Geister«, und dann noch einer für das Tagesgeschäft.

    MS Anfang 2019 haben Sie den Ort und die Stelle gewechselt. Woran arbeiten Sie gerade?

    PN Im Januar habe ich an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg eine neue Stelle angetreten und mit meiner Habilitationsschrift begonnen. Im Prinzip habe nicht nur den Ort, sondern auch die Zeit, zu der ich forsche, gewechselt – von 1800 ins 20. Jahrhundert, obwohl es natürlich viele Problemlagen gibt, die sich kontinuierlich durchziehen. Das Thema meiner Habilitationsschrift lautet: »Was ist Zeitgenossenschaft?« – Ich untersuche, was es überhaupt heißt, sich in ein Verhältnis zu seiner eigenen Zeit zu setzen (auch um 1800 war das vielleicht das entscheidende Thema), und wie geschichtliche Gegenwart gerade vor dem Hintergrund von und in direkter Konfrontation mit realgeschichtlichen Totalitäts- und Ohnmachtserfahrungen, wie sie insbesondere das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, epistemisch in den Blick gerückt und darstellungstheoretisch bewältigt wird. Walter Benjamin, Adorno, Hanna Arendt und Siegfried Kracauer sind hier meine Referenzautoren.
    Außerdem arbeite ich gerade für fünf Monate in der Feuilleton-Redaktion der Wochenzeitung »Die Zeit« in Hamburg. Eine Stipendienauszeit, bevor es im Herbst wieder zurück an die Uni geht und ich auch die Arbeit am nächsten Sachbuch aufnehmen kann. Geplant ist diesmal kein Querschnitt, sondern gewissermaßen ein Längsschnitt durch die Zeit.

    MS Ich wünsche Ihnen für Ihre Arbeit viel Erfolg und danke Ihnen sehr für das Gespräch!

    Maria Socolowsky